Was stört? Anmerkungen zur Repressionsentwicklung und zur mediterranen „Black Box“ der EU

Helmut Dietrich thematisiert in seinem Beitrag gegenwärtige EU-Strategien der Repression von Fluchthilfe: einerseits die humanitär begründete Kriminalisierung mutmaßlicher Bootsfahrer, denen Schleusung und Gefährdung von Menschenleben vorgeworfen wird, andererseits die Ausbildung einer Art Feindstrafrechts gegen das fluchtsolidarische Monitoring, das auf das stille Massensterben im Mittelmeer aufmerksam macht und das zunehmend mit paramilitärischen und geheimdienstlichen Methoden bekämpft wird. Er schlägt zwei Antworten auf diese Kriminalisierungen vor: eine alltägliche politische wie soziale Zuwendung gegenüber in Südeuropa inhaftierten „Bootsfahrern“ zu entwickeln sowie der Kriminalisierung von Supportern an der EU-Peripherie mit Verweigerung und Protesten vor den EU-Zentren zu begegnen. Die Vorveröffentlichung aus Heft 30 findet sich hier als kostenfrei zugängliche PDF.

Rezension zu Iris Därmann, Undienlichkeit

Die Kulturwissenschaftlerin Iris Därmann begibt sich in ihrer Essaysammlung „Undienlichkeit. Gewaltgeschichte und politische Philosophie“ auf eine Spurensuche nach Widerstandsformen und Überlebensstrategien gegenüber kolonial- und vernichtungspolitischer Gewalt. Ahlrich Meyer unterzieht Därmanns Buch einer kritischen Würdigung und ordnete ihre Überlegungen – ähnlich seiner jüngst vorveröffentlichten Rezension von Michael Rothbergs „Multidirektionale Erinnerung“ – in die gegenwärtige Diskussion über eine Neuausrichtung der Erinnerungspolitik ein. Unsere Vorveröffentlichung aus Heft 30 findet sich hier.

Rezension zu Rothberg, Multidirektionale Erinnerung

Der Literaturwissenschaftler Michael Rothberg hat mit Multidirektionale Erinnerung eine Untersuchung über die Entstehung des Holocaustgedenkens im Zeitalter der Dekolonisierung vorgelegt, die hierzulande teils heftige Polemiken ausgelöst hat. Ahlrich Meyer diskutiert Vorzüge und Schwächen des Buches und geht auch auf die aktuelle Diskussion um ‚Erinnerungskultur‘ und ‚Opferkonkurrenz‘ ein. Unsere Vorveröffentlichung aus Heft 30 findet sich hier.

Kniefall ohne Aufstand. Erinnerungen an den Dezember 1970 in der Volksrepublik Polen

Während der fünfzigste Jahrestag des „Kniefalls von Willy Brandt“ und der Unterzeichnung des Warschauer Vertrags in bundesdeutschen Printmedien, Radio und Fernsehen eine breite Öffentlichkeit fand, scheint der Aufstand der Werftarbeiter:innen vergessen. Unsere Redakteurin Sarah Graber Majchrzak zeigt den unmittelbaren Zusammenhang beider Ereignisse und diskutiert die Bedeutung, die den Protesten der Arbeiter:innen im Dezember 1970 für die Entstehung der Solidarność und darüber hinaus zukommt. Unsere Vorveröffentlichung aus Heft 29 der Sozial.Geschichte Online findet sich hier zum kostenfreien Download.

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Die Verrückten und die Weisen – Reflexionen über das Ende der Präsidentschaft Trumps

Ist Trump wirklich verschwunden? Nach dem gescheiterten Sturm auf das Kapitol fragt unser Autor Jacques Rancière nach den Abgründen der Vernunft, die die Herrschaft Trumps ermöglicht haben und verweist auf die Bedingungen eines neuen Denkens, in dem diese verrückte Form der Vernunft überwunden werden kann. Der Text ist eine Übersetzung aus dem Französischen von Lars Stubbe und eine Vorveröffentlichung zu Heft 29. Er kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

„Nicht rechts, nicht links“? Ideologien und Aktionsformen der „Corona-Rebellen“

Gerhard Hanloser diskutiert in dieser Vorveröffentlichung zu Heft 29 das Phänomen der „Corona-Rebellen“ auf der Grundlage von deren Veröffentlichungen sowie von Beobachtungen auf Demonstrationen. Er analysiert diese Protestbewegung in drei Kategorien: politische Ideenwelt, beobachtbarer Habitus und unbewusste Motive. Mit einem Rückgriff auf die kritische Sozialpsychologie skizziert er die regressiven Triebkräfte der Proteste. Unsere Vorveröffentlichung aus Heft 29 der Sozial.Geschichte Online findet sich hier zum kostenfreien Download.

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Corona-Pandemie: Gesundheitsschutz, Arbeitsverhältnisse, Pflegearbeit

Viele Regeln, die im „privaten“ Lebensbereich in Bezug auf Abstand und Hygiene in COVID-19-Zeiten selbstverständlich sind, gelten in der Arbeitswelt nicht. Wolfgang Hien diskutiert in dieser Vorveröffentlichung zu Heft 29 unserer Zeitschrift die Ursachen dieser Beobachtung. Dabei stellt er Ergebnisse einer eigenen empirischen Studie vor, die nach dem März 2020 in Krankenhäusern und Altenheimen stattgefunden hat. Er plädiert für eine selbstorganisierte „Gesundheitsbewegung“, die an Erfahrungen sozialer Kämpfe um Arbeitsverbesserungen aus der Vergangenheit anknüpfen müsse. Der Text findet sich hier: sgo_29_vorveroeffentlichung_hien_covid_arbeitsschutz_pflege.

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Die Fleischindustrie in der Coronakrise. Eine Studie zu Arbeit, Migration und multipler Prekarität

Peter Birke untersucht in dieser Vorveröffentlichung zu Heft 29 die Corona-Krise in der deutschen Fleischindustrie. Die Studie zeigt, welche Rolle migrantische Proteste für das Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit spielten. Am Ende wird nach der Reichweite dieses Verbots gefragt, angesichts „multipler Prekarität“ von Migrant*innen sowie der Logik von Profitmaximierung und Massenschlachtung. Der Text findet sich zum kostenlosen Download hier birke-fleischindustrie-vorveroeffentlichung-heft-28-pdf.

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Das Dieselauto – Eine Geschichte von Illusion und Betrug

Herbert Obenland analysiert in dieser Vorveröffentlichung zu Heft 28 unserer Zeitschrift Vorgeschichte und Kontexte des sogenannten Abgasbetrugs bei Volkswagen. Er analysiert die Verbreitung des Dieselmotors und die damit verbundenen Gewinninteressen der Automobilwirtschaft sowie die ökologischen Folgen des Individualverkehrs. Er zeigt, dass „Illusion und Betrug“ ein strukturelles, systemisches Moment haben, ein wichtiges Argument, wenn es um die Suche nach gesellschaftlichen Alternativen geht. Der Text findet sich hier: obenland_dieselauto_sgo_28_vorveroeffentlichung.

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„Verschickungskinder“ – Einsatz sedierender Arzneimittel und Arzneimittelprüfungen

Sylvia Wagner und Burkhard Wiebel thematisieren in ihrem Forschungsbeitrag den Einsatz sedierender Arzneimittel und Arzneimittelprüfungen bei „Verschickungskindern“ bzw. „Kurkindern“ in den 1950er bis 1970er Jahren. Unsere Vorveröffentlichung aus Heft 28 der Sozial.Geschichte Online findet sich hier zum kostenfreien Download.

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Die Instrumentalisierung der rassistischen Anschläge und Pogrome Anfang der 1990er Jahre für die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl

Ronja Oltmanns arbeitet in ihrem Artikel den kausalen Zusammenhang zwischen den rassistischen Anschlägen und Pogromen zu Beginn der 1990er Jahre und der faktischen Abschaffung des Grundrechts auf Asyl durch den Bundestag 1992/1993 heraus. Ihre Topoianalyse der Bundestagsdebatten der Jahre 1985 bis 1993 untersucht, wie sich die Diskussion um das Grundrecht auf Asyl veränderte und welche Rolle die rassistischen Anschläge dabei spielten. Sie belegt, dass sowohl die Unionsparteien als auch die SPD die rassistischen Anschläge argumentativ dafür nutzten, die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl zu begründen und die dafür notwendige Zweidrittelmehrheit herzustellen.

Vorveröffentlichung Heft #27: Ronja Oltmanns: „Wer die Mißbräuche des Asylrechts nicht bekämpft, der fördert […] Ausländerfeindlichkeit.“

Coesfeld und die Folgen: Arbeit und Migration in der Pandemie

Nach und nach werden weitere Branchen Gegenstand einer öffentlichen Debatte über gesellschaftliche Arbeit in Zeiten von Corona: Zuletzt etwa die Landwirtschaft, die Fleischindustrie, der Versandhandel, verursacht durch skandalöse Wohn- und Arbeitsbedingungen, vor allem für Arbeiter*innen ohne deutschen Pass. Peter Birke analysiert den aktuellen Diskurs sowie Konflikte und Kämpfe in Schlacht- und Zerlegebetrieben und anderen Hotspots prekärer Arbeits- und Lebensverhältnisse. Sein Text ist der dritte in unserer Reihe zu den Folgen der Pandemie für die Arbeitsgesellschaft, der Anfang April mit einem Beitrag der Gruppe Blauer Montag startete.

Vorveröffentlichung Heft #27: Birke, Arbeit und Migration PDF

Arbeit am Notstand: Ehrenamt, Nachbarschaftshilfe, Selbstorganisation

In unserer Debatte um die Veränderung von Arbeitsverhältnissen in der Pandemie hinterfragt Wolfgang Völker die Gleichsetzung von Freiwilligenarbeit, Nachbarschaftshilfe und Selbstorganisation. Mit Hinweis auf Untersuchungen zur Welcome-Bewegung nach 2015 sowie zum Ehrenamt in der sozialen Arbeit kritisiert er klassengeprägte Ausgrenzung und staatliche Instrumentalisierung. In Bezug auf den Kampf um alltägliche soziale Ansprüche tritt er für die Aufrechterhaltung von Forderungen nach „universellen zivilen, politischen und sozialen Rechten“ ein. Der Text bezieht sich auf den hier veröffentlichten Aufsatz der Gruppe Blauer Montag zur Corona-Krise.

Vorveröffentlichung Heft #27: Wolfgang Völker, Auf Freiwilligenarbeit ist kein Verlass, schon gar nicht im Notstand

Aus aktuellem Anlass: Vom Notstand der Arbeitsgesellschaft

„Plötzlich ist zuvor Undenkbares möglich: Investitionen ungekannten Ausmaßes in Krankenhäuser, ja sogar eine Aufhebung der 2009 mit Verfassungsrang versehenen Schuldenbremse. Und andererseits: eine für viele Menschen lebensbedrohliche Überlastung im Gesundheitswesen, Armut und Prekarität als Massenphänomen, Ausdehnung von Arbeitszeiten hier, Null-Stunden-Woche dort, und langfristig die Gefahr einer Verschärfung der Klassenkämpfe von oben. …

Vorveröffentlichung Heft #27: Gruppe Blauer Montag, Vom Notstand der Arbeitsgesellschaft [PDF]

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Rezensionsessay zu David Roussets „Das KZ-Universum“

David Rousset war mit seinem bereits 1947 veröffentlichten Bericht über die nationalsozialistischen Konzentrationslager, L’Univers concentrationnaire, Jorge Semprún zufolge „der erste, der in seinen Schriften über die Nazilager die Schwelle des Zeugnisses überschritten hatte, um ein Gesamtbild, einen globalen Versuch der Analyse zu entwickeln“. Hierzulande jahrzehntelang ignoriert, ist Roussets Buch nun erstmals auf Deutsch erschienen. Ahlrich Meyers Rezensionsessay, eine Vorveröffentlichung aus Heft 27, findet sich hier.

Vorveröffentlichung: Sergio Bologna, Der „lange Herbst“: Die italienischen Arbeitskämpfe der 1970er Jahre

Die 1970er Jahre zeichneten sich in Italien durch ausgedehnte Streiks und Proteste aus, die sich von den Großfabriken in den Dienstleistungssektor (Transport, Gesundheitswesen, öffentliche Verwaltung) ausgebreitet haben. Gegen die gängige These, bei diesen Arbeiterprotesten habe es sich um eine Vorstufe des Terrorismus gehandelt, zeigt Sergio Bologna in seinem Beitrag, dass wir es hier tatsächlich mit einem langen Prozess der Emanzipation der Arbeiter und Arbeiterinnen zu tun haben. Die Vorveröffentlichung aus unserem demnächst erscheinenden Heft 26 findet sich hier.

Continuous Rebellion in Hong Kong

The ongoing revolt in Hong Kong was and continues to be of special interest to our journal as it is part of the visible revolts occurring in 2019 in many different places of the globe. Whether these isolated hotspots in Europe, Central and South America, Asia, the Middle East, and the Maghreb are an indication of a larger groundswell of upheavals in the near future remains an open question for now. In the following, we publish the first part of an interview with Au Loong Yu conducted by email, which refers to events up to 26 November 2019. Au is a Hong Kong-based writer and activist and well connected with social movements in Hong Kong as well as abroad.

Vorveröffentlichung: Ahlrich Meyer, Wie Hannah Arendt versuchte, Karl Marx beizukommen. Bemerkungen anlässlich des Erscheinens der Arendt-Gesamtausgabe

Seit vergangenem Herbst erscheint die Kritische Gesamtausgabe der Werke Hannah Arendts. Begonnen wurde mit dem Band 6, herausgegeben von Barbara Hahn und James McFarland. Unter dem Titel „The Modern Challenge to Tradition“ enthält der zweisprachige Band Aufsätze und unveröffentlichte Vortragsmanuskripte aus den Jahren 1952 bis 1954. Sie geben Einblick in die Entwicklung des Denkens von Arendt zwischen ihren beiden Hauptwerken The Origins of Totalitarianism (1951) und The Human Condition (1958). Im Mittelpunkt steht eine Auseinandersetzung mit Karl Marx, die Arendt ursprünglich zur Ergänzung ihrer Totalitarismus-Studien begonnen hatte und die sie zu einer eingehenden Beschäftigung mit der Tradition der europäischen Philosophie ausweitete. Dem Werk von Marx wird sie allerdings kaum gerecht, da sie es auf wenige Kernsätze reduziert. Ihre Mißdeutungen lassen sich exemplarisch am Begriff der Arbeit nachweisen. Was Marx als „Stoffwechsel“ zwischen Mensch und Natur beschrieben hatte, gerät bei Arendt zur idealtypischen Figur des „animal laborans“. Dagegen erinnert Ahlrich Meyer in seinem Essay an die kritischen Elemente im Marxschen Arbeitsbegriff. Der Text findet sich hier.

Vorveröffentlichung: Gilets jaunes / Gelbwesten – eine Zwischenbilanz

Willi Hajek hat 14 Jahre in Paris und 12 Jahre in Bochum gelebt, war und ist aktiv in der deutschen wie der französischen Gewerkschaftslinken, ist Autor im Express und anderen linken deutschen Zeitschriften. Er ist seit seiner Jugend mit den sozialen Bewegungen in Frankreich eng verbunden, als Aktivist, aber auch als Verfasser von Texten zur Geschichte der deutschen und französischen Linken nach 1968. Heute lebt er in der Nähe von Marseille. Willi berichtete zuletzt auf Veranstaltungen in verschiedenen deutschen Städten, so auch in Hamburg, über die Proteste und Aufstände, die in Frankreich seit dem letzten Herbst stattgefunden haben. Wir haben die Gelegenheit genutzt, um ihm einige Fragen zu stellen, die unter anderem an Texte zu den neuesten Sozialprotesten anschließen, die bislang in Sozial.Geschichte Online erschienen sind. Das Interview findet sich hier.

Vorveröffentlichung der Rezension: Felix Bohr, Die Kriegsverbrecherlobby

Das im Herbst letzten Jahres publizierte Buch von Felix Bohr, Die Kriegsverbrecherlobby. Bundesdeutsche Hilfe für im Ausland inhaftierte NS-Täter, hat seit seinem Erscheinen viel Aufmerksamkeit gefunden und wurde kontrovers diskutiert. Wir veröffentlichen vorab eine Besprechung von Ahlrich Meyer, die im nächsten Heft der Sozial.Geschichte Online erscheinen wird. Die Rezension findet sich hier.