Coesfeld und die Folgen: Arbeit und Migration in der Pandemie

Nach und nach werden weitere Branchen Gegenstand einer öffentlichen Debatte über gesellschaftliche Arbeit in Zeiten von Corona: Zuletzt etwa die Landwirtschaft, die Fleischindustrie, der Versandhandel, verursacht durch skandalöse Wohn- und Arbeitsbedingungen, vor allem für Arbeiter*innen ohne deutschen Pass. Peter Birke analysiert den aktuellen Diskurs sowie Konflikte und Kämpfe in Schlacht- und Zerlegebetrieben und anderen Hotspots prekärer Arbeits- und Lebensverhältnisse. Sein Text ist der dritte in unserer Reihe zu den Folgen der Pandemie für die Arbeitsgesellschaft, der Anfang April mit einem Beitrag der Gruppe Blauer Montag startete.

Vorveröffentlichung Heft #27: Birke, Arbeit und Migration PDF

Arbeit am Notstand: Ehrenamt, Nachbarschaftshilfe, Selbstorganisation

In unserer Debatte um die Veränderung von Arbeitsverhältnissen in der Pandemie hinterfragt Wolfgang Völker die Gleichsetzung von Freiwilligenarbeit, Nachbarschaftshilfe und Selbstorganisation. Mit Hinweis auf Untersuchungen zur Welcome-Bewegung nach 2015 sowie zum Ehrenamt in der sozialen Arbeit kritisiert er klassengeprägte Ausgrenzung und staatliche Instrumentalisierung. In Bezug auf den Kampf um alltägliche soziale Ansprüche tritt er für die Aufrechterhaltung von Forderungen nach „universellen zivilen, politischen und sozialen Rechten“ ein. Der Text bezieht sich auf den hier veröffentlichten Aufsatz der Gruppe Blauer Montag zur Corona-Krise.

Vorveröffentlichung Heft #27: Wolfgang Völker, Auf Freiwilligenarbeit ist kein Verlass, schon gar nicht im Notstand

Debatte: Notstand der Arbeitsgesellschaft und Corona-Krise

Man sollte angesichts der Corona-Krise nicht so ergebnisoffen schreiben, erklärten unsere Freund*innen von analyse & kritik im März 2020, sondern besser über Proteste und Kämpfe, an die anzuknüpfen wäre.

Mit diesem Ziel haben wir während des ersten Lockdowns im Frühjahr vergangenen Jahres die Einschätzung der Gruppe Blauer Montag zum Notstand der Arbeitsgesellschaft veröffentlicht. Mit vielen damals offenen Fragen: Wie kann man sich auf die dort beobachteten Konflikte um gesellschaftliche Arbeit beziehen? Was bedeutete das für den Alltag, für Sorgearbeit und Kinderbetreuung, für Geschlechter- und Migrationsverhältnisse? Wie zeigt sich der Notstand auf globaler Ebene und was ist angesichts der Pandemie mit den Aufständen passiert, die im Jahre 2019 eine große Rolle gespielt haben? Seitdem sind in Sozial.Geschichte Online einige Texte erschienen, die teilweise direkt auf den Beitrag der Gruppe Blauer Montag reagieren, teilweise die seitdem aufgekommenen Fragen zum Verhältnis von Pandemie und Sozialprotest reflektieren.

So erschien im Frühjahr 2020 ein Beitrag von Wolfgang Völker zu Arbeit am Notstand: Ehrenamt, Nachbarschaftshilfe, Selbstorganisation. Zur selben Zeit schrieb Peter Birke angesichts der Konflikte über Saisonarbeit in der Landwirtschaft über Coesfeld und die Folgen: Arbeit und Migration in der Pandemie. Im direkten inhaltlichen Anschluss untersuchte er im Winter 2020/21 die im sogenannten Arbeitsschutzkontrollgesetz enthaltenden Reformen in Die Fleischindustrie in der Coronakrise. Eine Studie zu Arbeit, Migration und multipler Prekarität. Unter dem unmittelbaren Eindruck der zweiten Welle und des möglicherweise dritten Lockdowns analysierte Wolfgang Hien dann Anfang 2021 Corona-Pandemie: Gesundheitsschutz, Arbeitsverhältnisse, Pflegearbeit. Fast gleichzeitig publizierte Gerhard Hanloser seine Beobachtungen zu den sogenannten Corona-Demos: „Nicht rechts, nicht links“? Ideologien und Aktionsformen der „Corona-Rebellen“.

Aus transnationaler Perspektive erschienen schließlich im Sommer 2020 ein kurzer Essay von John Holloway Corona-Krise: A Cascade of Angers / Eine Kaskade des Zorns sowie ein Interview mit Lou Marin und Willi Hajek über die Sozialen Bewegungen in Frankreich im Zeitalter der Pandemie.

Weitere Beiträge werden folgen. Die Redaktion freut sich über Einreichungen, siehe hierzu unser Call for Papers.

Soforthilfe für die von der Corona-Pandemie besonders betroffenen Gesellschaften und Mitgliedsländer der Europäischen Union!

In Italien, Spanien und Frankreich sind mehrere zehntausend Menschen schwer am Corona-Virus erkrankt. Ihr Überleben ist von einer gut ausgestatteten Krankenhausversorgung mit ausreichenden intensivmedizinischen Einrichtungen abhängig. Das Gesundheits- und Krankenhauswesen dieser Länder wurde während und nach der Euro-Krise massiv eingeschränkt.

Aufruf der Initiative für ein egalitäres Europa, 6. April 2020

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Neues Dossier: Streiks

Um die Jahre 2010/2011 mehrten sich die Artikel über Streiks und Arbeitsproteste in der Sozial.Geschichte Online, nicht zuletzt zurückzuführen auf die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und die unmittelbar folgende Eurokrise 2009. Viele stellten sich daraufhin die Frage, ob sich damit nicht auch ein neues Protestpotential der Arbeitenden entwickeln würde. Diese Vermutungen bestätigten sich. Es gab Streiks, in Ländern, die in besonderer Weise von der Krise betroffen waren, aber auch in denjenigen, denen es vermeintlich gelungen war, die Probleme unbeschadet zu umschiffen. Denn was sich in Griechenland, Spanien oder Portugal in Generalstreiks und Massenprotesten gegen die Sparmaßnahmen der Troika entlud, war in vielen europäischen Ländern schon weit vor der Krise als Wandel in der Arbeitswelt sichtbar und zum Problem geworden: eine stetige Prekarisierung weiter Gesellschaftsteile. Diese Entwicklung versuchte Sozial.Geschichte Online durch verschiedene Artikel abzubilden und zu diskutieren. Zum Dossier

Zu den „Klimastreiks“

Wir freuen uns über die Aktionen am Freitag, den 20. September und solidarisieren uns mit der Klimagerechtigkeitsbewegung. Zum Weiterlesen finden sich in Sozial.Geschichte Online zwei kritische Beiträge zur Autoindustrie. In Ausgabe 24 hat sich Stefan Krull mit dem Abgasskandal in der deutschen Auto- und Zuliefererindustrie befasst. Er schildert dabei die Ereignisse seit der Aufdeckung der Betrugsfälle seit September 2015, unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der IG Metall und der betrieblichen Interessenvertretungen. In der aktuellen Ausgabe 25 diskutiert Achim Brunnengräber die Ambivalenzen der E-Mobilität und die Rolle der deutschen Autoindustrie in diesem Zusammenhang. Schließlich möchten wir noch darauf hinweisen, dass sich in der Zeitschrift Ze.tt ein Interview mit einem Mitglied unserer Redaktion zu Streikrecht und Klimastreiks findet. Viel Spaß beim Lesen und viel Erfolg beim Demonstrieren wünscht

Die Redaktion

50 Jahre Septemberstreiks

Beverly Silver verwies in ihrer Historiographie der Arbeitsunruhen im 20. Jahrhundert auf die Notwendigkeit, ein systematisiertes Verständnis für die aggregierte Bedeutung lokaler Arbeitskonflikte zu entwickeln, um die Dynamik von historischen Klassenbeziehungen überhaupt zu begreifen: Im Kern geht es ihr dabei nicht zentral um Klassenstrukturen, sondern um die Untersuchung einer stets erneuerten Klassenbildung, dabei verweisend auf eine Interpretation des Marx‘schen (und Polanyi’schen) Werks hin zu einem historischen und relationalen Klassenbegriff. Sie schlägt auf dieser Grundlage einen Begriff der „Arbeitsunruhen“ (labor unrest) vor, der organisierte, dokumentierte kollektive Aktionen von Arbeiter_innen bezeichnet, sei es am Arbeitsplatz, sei es im Rahmen von Arbeiter_innenbewegungen im öffentlichen Raum. Weiterlesen

Neues Dossier: 100 Jahre Novemberrevolution

„Auf tausend Kriege kommen keine zehn Revolutionen: So schwer ist der aufrechte Gang.“ In diesem Satz wies Ernst Bloch auf die Bedeutung von sozialen Erhebungen hin, aber auch auf die Schwierigkeiten eines Kampfs für eine Gesellschaft ohne Klassen, ohne Rassismus und ohne Sexismus. Von Zeitgenoss_innen wurde der Aufstand des Jahres 1918 oft als Niederlage gesehen, im Angesichts der Morde der Konterrevolution und des Verrats der Spitzen der Arbeiter_innenbewegung. Es blieb und bleibt ein unabgeschlossenes Ereignis, eine unvollendete Demokratisierung … Hier geht es zum Dossier

Unsere Vorfahren sind jetzt auch digitalisiert

Die heutige Zeitschrift Sozial.Geschichte Online hat bereits eine längere Vorgeschichte. Sie ist ein Nachfolgeprojekt der Zeitschrift
1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, welche 1986 von der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts (SfS) gegründet wurde. Der 1999 folgte von 2003 bis 2007 die Zeitschrift Sozial.Geschichte. Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts. Diese wurde ebenfalls in gedruckter Form von der SfS herausgegeben. Ab 2009 ging die Zeitschrift zur elektronischen Form über und existiert nun seit bald 10 Jahren als Sozial.Geschichte Online (und seit kurzem zusätzlich auch wieder als Printausgabe, Sozial.Geschichte Offline). Wir freuen uns sehr darüber, dass die Stiftung für Sozialgeschichte alle Printhefte, die seit 1986 erschienen sind, digitalisieren ließ und dass diese seit kurzem kostenlos online abrufbar sind. Die digitalisierten Ausgaben der einzelnen Hefte und einige andere interessante Publikationsformate der Stiftung Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts können hier abgerufen werden.

Neues Dossier: 1968

Die Revolte der 1968er Jahre ist nunmehr schon ein halbes Jahrhundert alt. Die Erinnerung an wesentliche Ereignisse – an den „Pariser Mai“, den „heißen Herbst“ in Italien, den „Prager Frühling“ oder den Kampf gegen die Notstandsgesetze in der Bundesrepublik – bleibt gleichwohl umstritten. Viele der Debatten, die aktuell um „1968“ geführt werden, sind keineswegs neu. Das zeigt sich auch an den Schwerpunkte der Texte, die in Sozial.Geschichte bis 2009 und in Sozial.Geschichte Online seitdem erschienen sind. Weiter zum Dossier

Replik von K.H. Roth und H. Rübner auf J. Lillteichers Rezension von „Reparationsschuld“

Am 18. September 2017 veröffentlichte Jürgen Lillteicher auf der Mailingliste von H-Soz-Kult eine ressentimentgeladene Besprechung unseres Buchs zur Geschichte der Reparationsfrage nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei arbeitete er mit Unterstellungen und falschen Behauptungen, deren Ziel offensichtlich darin bestand, uns wissenschaftlich zu diskreditieren und das Reparationsthema aus dem öffentlichen Diskurs auszugrenzen. Daraufhin verfassten wir eine Replik. Die H-Soz-Kult-Redaktion kürzte sie fast um die Hälfte, ohne dies kenntlich zu machen. Die gekürzte Replik las sich über weite Strecken nur noch wie eine Aufzählung der falschen Behauptungen Lillteichers, ohne inhaltlich zu argumentieren. Sie wurde am 29. September auf der Mailingliste von H-Soz-Kult veröffentlicht. Gleichzeitig publizierte die Redaktion eine Erwiderung Lillteichers. In ihr ging er nicht auf die nachweislichen Falschbehauptungen ein, sondern verschärfte seine Argumente, die wir in unserer Replik zurückgewiesen hatten. Diese waren jedoch von der H-Soz-Kult-Redaktion zum Teil gestrichen worden. Im Netz gibt es keine Platzprobleme und für die Kürzungen deshalb keine nachvollziehbare Begründung. Dieses Vorgehen der H-Soz-Kult-Redaktion halten wir nicht für fair und nicht für transparent. Im Folgenden veröffentlichen wir die ungekürzte Fassung unserer Replik. Karl Heinz Roth, Hartmut Rübner

Free Deniz – Solidarität mit kritischen Journalist_innen und allen anderen Betroffenen der Repressionswelle in der Türkei

„Für meine Texte habe ich den Theodor-Wolff-Preis nie erhalten, jetzt bekomme ich ihn, indem ich hier bloß dumm rumsitze. Hätte ich das mal früher gewusst …“ Diese Worte stammen aus der Dankesrede, die Deniz Yücel anlässlich der am 21. Juni erfolgten Preisverleihung in seiner Zelle diktiert hat. Seit mehr als vier Monaten sitzt der deutsch-türkische Journalist nun in einem türkischen Gefängnis. Bislang ist keine Anklage erfolgt – die türkische Regierung wirft ihm „Terrorpropaganda“ und „Verrat“ vor. Der tatsächliche Haftgrund ist aber seine kritische Berichterstattung über die Verhältnisse in der Türkei, die sich insbesondere seit dem gescheiterten Putschversuch gegen Erdogan im letzten Jahr zunehmend zu einem repressiven System entwickelt, in dem die politische Opposition zum Schweigen gebracht werden soll. Weiterlesen

Ein nicht länger unterdrücktes und verdrängtes Kapitel der Heimgeschichte?

von Sylvia Wagner

Es überraschte sehr, welch ein Echo der Beitrag in Heft 19 der Sozial.Geschichte Online „Ein unterdrücktes und verdrängtes Kapitel der Heimgeschichte. Arzneimittelstudien an Heimkindern“ in den Medien, den Wissenschaften, der Politik und der Öffentlichkeit hervorgerufen hat. In den Jahren zuvor war bereits die physische, psychische und sexuelle Gewalt in den Einrichtungen bekannt geworden. Es war ruhiger um das Thema der ehemaligen Heimkinder geworden, bis mein Artikel über die medikamentöse Gewalt durch Arzneimittelstudien an ihnen diese breite Aufmerksamkeit erzeugte. Weiterlesen

Call for Papers: Arbeit und Migration

Ein Aufruf zur Diskussion in Sozial.Geschichte Online

Nach dem „Sommer der Migration“ im Jahr 2015 hat es verschiedene Versuche der EU-Mitgliedsstaaten gegeben, das europäische Grenzregime zu erneuern. Zugleich wurde – unter den Bedingungen der Austeritätspolitik – der Versuch unternommen, Geflüchtete nach dem Gesichtspunkt der Verwertbarkeit ihrer Arbeitskraft zu sortieren. In der Folge kam es überall in Nordeuropa, und nicht zuletzt in der Bundesrepublik, zu einer verstärkten Verknüpfung von Aufenthaltsrechten, dem Paradigma der Aktivierung (durch Arbeit) sowie der Ausbeutung in Arbeitsverhältnissen. Weiterlesen

China und der globale Kapitalismus

Wir freuen uns, dass Ralf Ruckus‘ Besprechung des Buches von Li Minqi zum bevorstehenden Kollaps des chinesischen und des globalen Kapitalismus und sein Interview mit dem Autor nun auch auf Chinesisch erschienen ist. Die Besprechung findet sich u.a. hier: 即将崩溃的资本主义——评《中国和二十一世纪的危机》(上)  (1. Teil) und 即将崩溃的资本主义——评《中国和二十一世纪的危机》(下) (2. Teil), das Interview u.a. hier: ‍不是社会主义,就是野蛮——一场关于21世纪的对.

Beobachtungsstelle für Faschismusforschung

An dieser Stelle dokumentieren wir die Erklärung zur Gründung der Osservatorio per la libertà di ricerca sui fascismi di ieri e di oggi / Beobachtungsstelle für die Freiheit der Forschung über den Faschismus gestern und heute (hier auch als PDF abrufbar):
„Seit einigen Jahren wird in Italien die Freiheit der historischen und sozialwissenschaftlichen Forschung zunehmend durch das Phänomen des Rückgriffs auf juristische Verfahren – insbesondere Beleidigungsklagen – bedroht. Sie werden von Personen angestrengt, die große Entschädigungssummen fordern und dabei oft durch ideologische Gründe motiviert sind. Dieses Phänomen betrifft vor allem solche Kolleginnen und Kollegen, die sich mit Faschismusforschung beschäftigen. Weiterlesen

Sylvia Wagners Forschungen über Heimkinder

Es kommt eher selten vor, dass ein Beitrag in unserem Heft ein großes mediales Echo und breite öffentliche Aufmerksamkeit hervorruft. Über Sylvia Wagners Forschungsbeitrag „Ein unterdrücktes und verdrängtes Kapitel der Heimgeschichte. Arzneimittelstudien an Heimkindern“ ist in unterschiedlichen Medien berichtet worden, weswegen wir an dieser Stelle unsere Leser_innen auf die Beiträge des NDR über Medikamentenstudien an Schleswiger Heimkindern und des WDR über Studien an Essener Heimkindern hinweisen möchten, die auf den Forschungen der Krefelder Pharmazeutin basieren.

Dossier „China“

In der Sozial.Geschichte Online erschienene Artikel zu besonderen Themen stellen wir in Zukunft in Dossiers zusammen. Den Anfang macht das Dossier “China“: Alle seit 2010 erschienenen Artikel zu China werden kurz vorgestellt, und die PDF können direkt über einen Link geöffnet werden. Zum Dossier…