Heft 31 ist erschienen

Das neue Heft von Sozial.Geschichte Online ist erschienen und steht wie immer kostenlos auf dem Portal der Universität Duisburg-Essen zum Download bereit. In der Rubrik Forschung veröffentlichen wir den ersten von insgesamt drei Teilen eines Beitrags unseres Redakteurs Hartmut Rübner über die Geschichte der Gestapo, einen Artikel Anja Röhls über Kindesmisshandlungen im Rahmen der „Heimverschickung“ sowie einen Bericht von Holger Artus über Italienische Militärinternierte in Hamburg. Mit Beiträgen Sergio Bolognas zur aktuellen Logistikkrise und zu den Impfverweigerungsbewegungen, Karl Heinz Roths Überblick über innere Dynamiken in der weltweiten Arbeiterklasse und der Besprechung unseres Redakteurs Max Henninger von Roths Buch „Blinde Passagiere“ liegt auch im Heft 31 einer der Schwerpunkte auf der Corona-Krise und ihren Auswirkungen. Das neue Heft enthält zudem weitere interessante Rezensionen, unter anderem von Jan de Graaf über das Buch unserer Redakteurin Sarah Graber Majchrzak „Arbeit – Produktion – Protest“. Zum Inhaltsverzeichnis gehts hier. Zum Editiorial bitte

Editorial

Dieses Heft wird unter dem Eindruck des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine fertiggestellt. Die Redaktion wendet sich gegen den Krieg, plädiert für die sofortige Einstellung der Kämpfe, fordert den unmittelbaren Abzug aller Truppen, Friedensverhandlungen mit dauerhaften Sicherheitsgarantien für alle Seiten und tritt für eine dauerhafte Entmilitarisierung der Bundesrepublik Deutschland ein. Wir unterstützen das „Manifest gegen den Krieg“, zu dessen Erstunterzeichner*innen unter anderem unsere Autoren Sergio Bologna, Rüdiger Hachtmann und Karl Heinz Roth gehören. Aufgezeigt werden hierin die vielfältigen Ursachen für den Aggressionskrieg Russlands gegen die Ukraine und für die gegenwärtige Gefahr einer Ausweitung zu einem europäischen Großkrieg, in dem selbst der Einsatz nuklearer Waffen nicht mehr auszuschließen ist. Unterzeichnet werden kann das „Manifest“ auf der Plattform Change.org.

Nunmehr dauert die Corona-Pandemie zwei Jahre an, und ein Ende ist nicht absehbar, zumal der Krieg sie nachvollziehbar in den Hintergrund drängt. Sozial.Geschichte Online hat die politischen und sozialen Entwicklungen im Zuge der Pandemie von Anfang an dokumentiert – und dabei in gewohnter Weise einen kritischen Blick auf Arbeitsverhältnisse und -kämpfe, auf Migration und Migrationsregime, auf öffentliche und betriebliche Gesundheitspolitiken sowie auf soziale Bewegungen geworfen. Auch im vorliegenden Heft 31 liegt – mit Beiträgen Sergio Bolognas, Karl Heinz Roths und Max Henningers – einer der Schwerpunkte auf Covid-19 und seinen Auswirkungen. Die weiteren Beiträge des aktuellen Hefts führen andere Schwerpunktsetzungen unserer Zeitschrift fort: Wir veröffentlichen den ersten von insgesamt drei Teilen eines Beitrags von Hartmut Rübner über die Geschichte der Gestapo, einen Beitrag Anja Röhls über Kindesmisshandlungen im Rahmen der „Heimverschickung“, einen Forschungsbericht von Holger Artus über Italienische Militärinternierte in Hamburg sowie eine Auseinandersetzung von Torsten Bewernitz mit Joshua Clovers Buch Strike.Riot.Strike.

Die Rubrik „Forschung“ unseres aktuellen Hefts eröffnet Hartmut Rübner mit seinem Beitrag über „Das Vollzugsorgan des nationalsozialistischen Polizeisystems. Zur Geschichte der Gestapo. Teil 1: Entstehung und Konsolidierung“. Nachdem der „Mythos“ der Gestapo als einer allwissenden Agentur des Terrors inzwischen weitgehend entzaubert ist, wird sie als bürokratische Behörde dargestellt, die jedoch mit tiefgreifenden maßnahmenstaatlichen Befugnissen ausgestattet gewesen ist; ihre repressive Effektivität wird vielfach mit der in der gleichgeschalteten Volksgemeinschaft verbreiteten Denunziationsbereitschaft erklärt. Tatsächlich funktionierte der Apparat als arbeitsteiliges Kontroll-, Überwachungs- und Verfolgungsnetzwerk, an dem sich viele amtliche Institutionen kooperativ beteiligten und das sich dazu noch die Informationen observierender Konkurrenzorganisationen auf Seiten der NSDAP zunutze machte. Der vorliegende Beitrag, welcher den Entstehungsprozess der Gestapo und die Verselbstständigung der Politischen Polizei im polykratischen Herrschaftssystem des Nationalsozialismus aufzeigt, bildet den Auftakt einer dreiteiligen Reihe. Der zweite Teil, der in Heft 32 erscheinen wird, behandelt die ideologische Radikalisierung und Verfolgungspraxis der Staatspolizei, wie sie sich mit Kriegsbeginn unter dem Dach des Reichssicherheitshauptamtes fortsetzte; der ebenfalls voraussichtlich im nächsten Heft erscheinende dritte Teil schildert den Umgang mit dem Gestapo-Personal nach 1945.

Anja Röhl knüpft in ihrem Forschungsbeitrag „Kindererholungsheime als Forschungsgegenstand. Erwachsene Zeitzeug*innenschaft am Beispiel eines Beschwerdebriefes im Adolfinenheim auf Borkum“ an Ergebnisse dreier Fachtagungen (2019, 2020, 2021) sowie sowie einer Dokumentation der Diakonie Niedersachsen aus dem Jahr 2020 an, die sich dem Thema der Misshandlung von „Verschickungskindern“ widmeten. Zahlreiche ehemalige Verschickungskinder haben sich inzwischen zu Wort gemeldet und von Gewalterfahrungen berichtet, die sie im Rahmen der Massenverschickung in Kindererholungsheimen, -heilstätten und Kuranstalten Westdeutschlands zwischen den 1950er und 1980er Jahren gemacht haben. Unsere Autorin nimmt einen bislang wenig beleuchteten Aspekt in den Blick, indem sie der Frage nachgeht, welche Rolle damalige Erwachsene als Zeitzeug*innen spielen. In einer detaillierten Studie beleuchtet sie anhand eines 1973 von drei Praktikantinnen eines Erholungsheims verfassten Beschwerdebriefes und des sich darauf entspinnenden archivierten Briefwechsels den Umgang der Verantwortlichen aus Heimleitung, lokaler Verwaltung und Regionalpolitik mit der Aufdeckung und Skandalisierung von Kindesmisshandlungen und einer zu befürchtenden kritischen Öffentlichkeit. Röhls Veröffentlichung knüpft an bereits in der Sozial.Geschichte Online erschienene Beiträge zum Thema Kindesmisshandlung in staatlichen und kommunalen Institutionen der Jugendhilfe und Gesundheitsvorsorge an.

Holger Artus setzt sich in seinem Forschungsbericht über „Italienische Militärinternierte in Hamburg“ mit der bislang wenig erforschten Zwangsarbeit italienischer Soldaten in der Hansestadt in den Jahren 1943 bis 1945 auseinander. Nach dem mit der Kapitulation verbundenen Ausscheiden Italiens aus der „Achse“ und der nachfolgenden Kriegserklärung an das Deutsche Reich wurden 650.000 italienische Soldaten zu Kriegsgefangenen gemacht. Artus untersucht die Unterbringung der Italienischen Militärinternierten, ihren Arbeitseinsatz in Betrieben der Bau-, Mineralöl- und Hafenwirtschaft, der Rüstungsindustrie und anderen kriegswichtigen Betrieben und die Einsatzplanung zur Zwangsarbeit in Arbeitskommandos. Nach jüngsten Recherchen mussten über 13.500 Italienische Militärinternierte in fünfhundert Hamburger Unternehmen arbeiten. Außerdem thematisiert wird das weiterhin strittige Thema von Entschädigungszahlungen für die Zwangsarbeit der überlebenden Militärinternierten durch die deutsche Bundesregierung.

In seinem Diskussionsbeitrag „Verlagerung der Streikposten“ setzt sich Torsten Bewernitz mit Joshua Clovers nunmehr auch auf Deutsch erschienenen Publikation Strike.Riot.Strike auseinander, in der Clover von einem Ende der Ära der Streiks, der Arbeiterbewegung und der Repräsentationsansprüche der Gewerkschaften ausgeht und den Beginn einer Ära des „Riot Prime“ annimmt. Bewernitz wendet sich gegen Clovers analog der Marxschen Formel G – W – G’ gebildete, schematisierende Abfolge von Epochen der Riots, Streiks und „Riots Prime“, die den Streik fest mit einer Phase der „Produktion“ im Industriekapitalismus und den Riot mit zeitlich davor und danach angenommenen Phasen der „Zirkulation“ verknüpft. Entgegen Clovers These, dass sich Streiks und Riots zeitlich, räumlich und begrifflich trennen ließen, geht Bewernitz von einer Gleichzeitigkeit und engen Verknüpfung dieser beiden kollektiven Kampfformen aus. Die Arbeitermacht als strukturelle und soziale Voraussetzung für Streiks sei nicht an das Primat produktiver Arbeit gebunden, sondern finde sich in gleichem Maße auch in reproduktiven und distributiven Arbeits- und Kapitalverhältnissen.

Der erste Diskussionsbeitrag unseres langjährigen Autors Sergio Bologna dreht sich um „Die Besonderheit der heutigen Krise“. In seinem Artikel geht er auf die Determinanten der aktuellen Logistikkrise ein, die in den zentralen westlichen kapitalistischen Staaten zu akuten Versorgungsproblemen in Industrie, Dienstleistung und bei Verbraucher*innen führt. Hintergrund der extrem gestiegenen Bedeutung der Logistik ist die ab den 1970ern einsetzende massive Deregulierung der Arbeitsbeziehungen, die in der Industrie zum Verzicht auf Lagerhaltung und zur Reduzierung von Redundanz führten: Just-in-time-Produktion und lean production bestimmten seit den 1980ern die Politik des Managements, heute entfachen die „Proletarier*innen, die aus der harten Erfahrung der Migration kommen“, die Konflikte in der Logistikbranche.

Ein zweiter Diskussionsbeitrag Bolognas in unserem Heft 31, „Wir dürfen der extremen Rechten nicht die Idee der Freiheit überlassen!“, ist vor kurzem als Beitrag zur Kritik der Bewegungen der Impfverweigerer in Italien in der Zeitschrift Officina Primo Maggio erschienen. Sein Inhalt hat aus unserer Sicht eine Bedeutung weit über die Situation in Italien hinaus und weist Parallelen auf zur Diskussion in Deutschland und allgemein im Westen. Im Zentrum steht der in den No-Vax-Demos in Italien vielfach evozierte Begriff der „Freiheit“, der unter der trumpistischen Rechten zu einem Mantra geworden ist. Bologna diskutiert die Entwicklung der Impfverweigerungsszene mit ihrem „Freiheits“-Begriff im Zusammenhang mit der Durchsetzung einer neuen Entwicklungsstufe der Produktivkräfte, in denen die Macht der Internetgiganten die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit neu strukturiert. Er kritisiert den Mangel historischen Bewusstseins bezüglich linker Konzepte in der Gesundheitspolitik angesichts der Corona-Pandemie. Schließlich weist er Forderungen nach einem Verbot faschistischer Parteien wegen jüngster Angriffe auf die Gewerkschaften zurück, weil er es als Aufgabe auch der Linken sieht, eine grundlegende Auseinandersetzung mit diesen Kräften zu führen.

In unserer Rubrik „Zeitgeschehen“ veröffentlichen wir einen Beitrag von Karl Heinz Roth, „Die Unterklassen und die Corona-Krise – eine orientierende Skizze der globalen Entwicklung“. Karl Heinz Roth gibt einen kurzen Überblick über innere Dynamiken in der weltweiten Arbeiterklasse während der Covid-19-Pandemie. Er unterscheidet vier Hauptschichten: von Massenarmut Betroffene, Working Poor, Arbeiter*innen und Angestellte. Der Autor umreißt die These, dass sich diese vier Schichten während der Pandemie ungleichmäßig entwickelten: Die Massenarmut und die Working Poor nahmen zu, die Anzahl der Arbeiter*innen schrumpfte und die Angestellten erlebten im Home Office einen neuen Aufschwung. Ebenso zeigt er auf, dass sich die sozialen Schutzprogramme der Regierungen als Strohfeuer entpuppten.

Wie immer enthält das neue Heft interessante Buchbesprechungen: Unser Redakteur Max Henninger unterzieht Karl Heinz Roths Blinde Passagiere. Die Coronakrise und die Folgen einer kritischen Würdigung. Hendrik Heetlage stellt Au Loong-Yus Hong Kong in Revolt. The Protest Movement and the Future of China vor, das nicht zuletzt von der teilnehmenden Beobachtung des Autors als Aktivist profitiert. Jan de Graafs Rezension bespricht Sarah Graber Majchrzaks materialreiche Studie Arbeit – Produktion – Protest. Die Leninwerft in Gdansk und die AG „Weser“ in Bremen im Vergleich (1968–1983), einen Ost-West-Vergleich aus einer Perspektive von unten. Felix Matheis rezensiert Götz Alys Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten, mit dem sich der Autor in die Debatte um nationale Repräsentation, Dekolonialisierung und Restitution rund um das Humboldt-Forum einmischt. Jule Ehms stellt Paul Cockshotts How the World Works: The Story of Human Labor from Prehistory to the Modern Day vor. Kolja Buchmeier widmet sich Daniela Rüthers Der Fall Nährwert. Ein Wirtschaftskrimi aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, und Hartmut Rübner stellt Udo Grashoffs durch Detailreichtum und methodische Reflexion glänzende Recherchearbeit Gefahr von innen. Verrat im kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus vor.

Wer Sozial.Geschichte Online unterstützen möchte, kann dies jederzeit tun: Wir freuen uns über Abonnements der Printausgabe, Mitgliedschaften im Trägerverein der Zeitschrift oder Spenden. Auch die vorliegende Ausgabe kann als Papierversion bei der Redaktion bestellt werden. Artikelangebote sind stets willkommen. Die Redaktion ist, gemeinsam mit dem Verein, über eine neue E-Mail-Adresse erreichbar: [sgo@sozialgeschichte-online.de]. Hinweisen möchten wir an dieser Stelle auf unseren Blog, der mit seinen zahlreichen Vorveröffentlichungen, Hinweisen auf Veranstaltungen, Buchveröffentlichungen und Kampagnen für uns zunehmend an Bedeutung gewinnt. Wer stets auf dem Laufenden bleiben will, kann uns zudem auf Facebook und Twitter (@SozGeschOnline) folgen.

Viel Erkenntnisgewinn beim Lesen unseres neuen Hefts wünscht

die Redaktion