In Frankreich rebellieren die Schüler:innen. Auslöser sind schlechte Lernbedingungen, kaputte Infrastrukturen, zu wenige Ressourcen. Aber wie erklärt sich die ausgreifende Dynamik dieser Bewegung? Carlotta Benvegnù, Soziologin an der Université d’Évry (Paris-Saclay), erklärt in einem Interview mit der italienischen Webseite Acta Media die Hintergründe und stellt Bezüge zur jüngsten Geschichte der sozialen Bewegungen her, über die wir in unserer Zeitschrift immer wieder berichtet haben, so in Beiträgen von Ingrid Artus (2023), Samuel Hayat (2020), Willi Hayek (2019) oder Laurent Mucchielli (2010).
Der Aufstand in den französischen Schulen – Erste Notizen
Eine neue Mobilisierung erfasst Frankreich. Ausgehend von den Volksschulen in den Pariser Vororten hat sie sich rasch ausgebreitet und verbindet Forderungen zum Schulwesen, zu territorialen und rassistischen Ungleichheiten, Kritik an algorithmischen Plattformen und die Anprangerung von Polizeigewalt. Doch welche soziale und politische Zusammensetzung bildet sich heraus? Und in welchem Zusammenhang stehen diese Mobilisierung, die Krise der Macron-Regierung und die bevorstehenden Wahlen? Wir haben Carlotta, eine Genossin, die in Paris lebt, gebeten, uns einige erste Eindrücke von den aktuellen Entwicklungen zu schildern.
Anmerkung: Im Text ist von „Lycées“ die Rede, da in Frankreich alle Schulen so genannt werden; die Besonderheit dieser Bewegung besteht jedoch darin, dass sie von Schulen ausgegangen ist, die in Italien den Berufsschulen entsprechen.
Wie ist die Mobilisierung entstanden und wie hat sie sich entwickelt? Welche Perspektiven hat sie?
Die Mobilisierung entstand am 17. September in Val-de-Marne, in Créteil, in den südlichen Vororten von Paris, am Lycée Saint-Exupéry, unterstützt von einigen Abgeordneten von „La France Insoumise“ (LFI), darunter Clémence Guetté, die in diesem Wahlkreis gewählt wurde. Es handelt sich um eine Schule in einem Arbeiterviertel. Die Mobilisierung entstand jedoch spontan in den sozialen Netzwerken und entwickelte sich in selbstorganisierter Form. Die Gewerkschaften sind präsent, aber es handelt sich nicht um eine gewerkschaftliche Bewegung. Das Gleiche gilt für die Parteien, insbesondere für „La France Insoumise“.
Die Teilnehmer sind jung, sehr jung: Schüler und Schülerinnen der Oberstufe und mittlerweile vielleicht auch der Mittelstufe. Die Mobilisierung ist fast überall in Frankreich zu beobachten, wobei die Schulen und die Schüler aus den Vororten eine besonders starke Rolle spielen. Im Mittelpunkt stehen die für das Bildungswesen bereitgestellten Mittel angesichts skandalöser materieller Bedingungen: baufällige Schulen, die auseinanderfallen, Lehrermangel und Personalmangel im Allgemeinen.
Zentral ist hier die Frage der Ungleichheiten, der Diskriminierung und des Rassismus, die bei den Blockaden und Demonstrationen angeprangert werden. Die Reformen der letzten Jahre haben in der Tat zu einer erschreckenden, immer tiefer werdenden Kluft zwischen den Schulen im Stadtzentrum und denen in den Vororten geführt. Das gleiche Phänomen spielt sich übrigens auch an den Universitäten ab. Und diese Spaltungen verlaufen in einem Land wie Frankreich natürlich entlang ethnischer Linien.
Im Internet kursieren Bilder von Schulen mit einstürzenden Wänden, Ratten, die durch die Flure rennen, Wassereinbrüchen, zugemauerten Fenstern während der Hitzewelle sowie Klassenzimmern ohne Stühle und Tische. Die Schule Paul-Éluard in Saint-Denis mit seinen überhitzten und buchstäblich baufälligen Fertigbauten ist zu einem der symbolträchtigen Bilder der Mobilisierung geworden.
Die Schulen im Stadtzentrum haben sich in vielen Fällen dafür entschieden, Solidarität und Unterstützung für die Schulen in den Vororten in den Mittelpunkt zu stellen, anstatt eigene Forderungen zu stellen. Das Henri-IV-Gymnasium, Symbol der Elite und eines der renommiertesten Gymnasien in Paris, wurde aus Solidarität von den Schülerinnen und Schülern blockiert.
Dann ist da noch die Frage der Auswahl über algorithmische Plattformen, insbesondere Parcoursup, das den Zugang zu den Universitäten regelt. Damit steht auch die Rolle dieser Systeme bei der Erzeugung von Druck, Diskriminierung und Ungleichheiten zur Debatte. Das Bewusstseinsniveau ist sehr hoch entwickelt: Wir sprechen hier von Schüler:innen der Oberstufe, die sagen, sie würden sich für und anstelle der Lehrer, für deren Arbeitsbedingungen und deren Gehälter einsetzen.
Hinzu kommt natürlich die Frage der Repression: mehr als 2.000 Festnahmen von Minderjährigen, unfassbare Gewalt, vor allem in den Banlieues, mit verletzten und verstümmelten Jugendlichen. Es gelangen Bilder von unerhörter Gewalt an die Öffentlichkeit: der Einsatz nicht-tödlicher Waffen gegen 13-Jährige, ein Junge – wahrscheinlich zwei –, der ein Auge verloren hat, Polizeiautos, die um die Schüler herum Karussell fahren. Oft setzen die Schüler diese Bilder ins rechte Verhältnis, indem sie sie mit dem Verhalten der Polizei in den Schulen im Stadtzentrum vergleichen. So kursiert beispielsweise ein Video, in dem zu sehen ist, wie ein Polizist mit den Schülern lacht und mit einem Jungen in einem Gymnasium im Zentrum von Paris einen Liegestütz-Wettbewerb veranstaltet. Aus diesem Grund sind die Schlagworte, die in den Mittelpunkt gerückt sind, die Polizeigewalt und vor allem die Rolle des Rassismus bei der Polizeigewalt.
Zusammenfassend würde ich sagen, dass es die rassistische Ordnung ist, die von der Bewegung in Frage gestellt wird. Meiner Meinung nach lässt sich dies in erster Linie als antirassistische Bewegung lesen, wie auch die zentrale Rolle der Parolen gegen den Rassemblement National bei den Demonstrationsblöcken zeigt.
Wie sieht die soziale und politische Zusammensetzung der Bewegung aus? Welche Kontinuitäten und Brüche weist sie im Vergleich zu den Bewegungen der letzten Jahre oder der Vergangenheit auf?
Die Kontinuität zu früheren Bewegungen ist sehr stark. Es gibt eine regelrechte Schichtung, die sich in den Praktiken, den Parolen, aber auch in der Ästhetik der Bewegung selbst zeigt, die wie ein Hybrid wirkt. Einerseits erinnert sie fast an die „Gilets jaunes“ mit ihren Blockaden und der Tricolore. Es gibt eine Art „Jetzt sind wir dran“-Idee, die auch in den Interviews mit den Jugendlichen zum Ausdruck kommt, die diese Bewegung als Kinder miterlebt haben und die vor zehn Jahren in den Schulpausen an den Demonstrationen teilnahmen.
Aber es gibt auch die émeutière-Ästhetik des cortège de tête von 2016, die der Unruhen nach der Tötung von Nahel, der 2023 in Nanterre von der Polizei erschossen wurde, sowie die der Bewegung für Palästina und gegen den Völkermord im Gazastreifen mit palästinensischen Flaggen und anderen Symbolen. Und dann gibt es noch die typischen Codes der Schüler:innen, vom Cosplay bis hin zu den Bildern des Spider Man bei den Blockaden, zusammen mit weiteren Zeichentrickfiguren.
Es gibt auch Elemente der Diskontinuität, vor allem im Vergleich zu den Bewegungen von 2016–2018, als die Schüler- und Studentenbewegung gewaltsam unterdrückt und zerschlagen wurde. Man denke nur an die grauenhaften Bilder aus Mantes-la-Jolie am Stadtrand von Paris, wo Schüler von der Polizei gezwungen wurden, sich im Schulhof mit den Händen auf dem Kopf hinzuknien. Der Unterschied besteht darin, dass die Repression diesmal nicht so gut funktioniert. Es gibt eine starke Solidarität seitens der Erwachsenen, der Eltern, der Gewerkschafter, der Parteien und der Elternverbände. Es kursieren Bilder von Lehrkräften, die vor den Schulen Ketten bilden, um die Schüler zu verteidigen.
In welchem politischen Kontext in Frankreich findet diese Mobilisierung statt und welche Themen stehen im Mittelpunkt? Siehst du mögliche Zusammenhänge mit den Entwicklungen außerhalb Frankreichs, wie zum Beispiel der aktuellen Mobilisierung zum Thema Wohnen in Spanien?
Die politische Lage ist meiner Meinung nach in erster Linie nationaler Natur und muss auch im Zusammenhang mit den Präsidentschaftswahlen gesehen werden, die 2027 stattfinden werden. Es handelt sich in erster Linie um eine antirassistische Mobilisierung, aber auch um eine Mobilisierung gegen die Regierung, gegen Macron und gegen die extreme Rechte, mit zahlreichen Parolen gegen den RN bei den Blockaden der Schulen.
Auf institutioneller Ebene äußert sich die Bewegung auch in einer Konfrontation zwischen der Regierung und „La France Insoumise“, die auf den Blockaden und Demonstrationen präsent ist und sich offen für die Bewegung einsetzt. Die Rechte hingegen, mit Retailleau und „Les Républicains“, versucht, die Situation auszunutzen, um die Idee wieder aufzugreifen, LFI für illegal zu erklären, da ihr vorgeworfen wird, die heimliche Drahtzieherin der Mobilisierung zu sein und die Bewegung zu manipulieren. Auf diese Weise wird jedoch letztlich die Fähigkeit der Schüler aus den Vororten zur eigenständigen Reflexion und Organisation geleugnet.
Nutzt die Bewegung im Hinblick auf die Wahlen der LFI oder droht sie, ihr im Gegenteil zu schaden?
Einerseits ist es die Bewegung, die sie gebraucht hat, denn sie ermöglicht es ihr, ihre soziale Basis zu zeigen und der harten Auseinandersetzung auf institutioneller Ebene Legitimität zu verleihen. Andererseits ist das Thema Gewalt natürlich heikel für eine politische Kraft, die die Wahlen gewinnen will.
Nun geht es um die Frage, ob es der Mobilisierung gelingen wird, sich auf die Universitäten und die Betriebe auszuweiten. Das Bildungsministerium hat eine Zusammenkunft mit Vertretern der Gewerkschaften initiiert, und eine im Haushaltsgesetz vorgesehene Erhöhung der Studiengebühren für zwei Abschlüsse (universitäre Äquivalente) wurde zurückgezogen. Doch die Gewerkschaften haben die Sitzung verlassen; dieser Versuch, die Bewegung mit kleinen Zugeständnissen zu bremsen, scheint nicht zu funktionieren, und neben der Repression werden nun auch die Schließungen verschiedener Einrichtungen angeordnet. (…).
Übersetzung: Lars Stubbe.