Heft 39 ist erschienen

Die aktuelle Ausgabe von Sozial.Geschichte ist erschienen – in neuem Gewand und unter neuem (kürzerem) Namen, aber nach wie vor mit kritischem Blick auf die herrschenden Verhältnisse, und historischen wie aktuellen Suchbewegungen zu ihrer Überwindung auf der Spur. Heft 39 steht wie immer auf dem Portal der Universität Duisburg-Essen zum kostenlosen Download bereit. Mit Beiträgen von Anda Nicolae-Vladu, Karl Heinz Roth, Gruppe Blauer Montag, Serhat Karakayalı, Helmut Dietrich und Anne Sudrow, einem Interview mit Jacques Rancière und Buchbesprechungen von Ahlrich Meyer, Stephan Liebscher, Helmut Dietrich und Gottfried Oy. Zum Editorial bitte unten „Weiterlesen“ klicken.

Editorial

Das neue Jahr begann, wie das alte endete – verheerend. Fatalistische Analysen, die das Ende der Welt für wahrscheinlicher halten als das Ende des Kapitalismus, scheinen zunehmend an empirischer Relevanz zu gewinnen. Der ideologische Konflikt, heißt es in der Zeitschrift Jacobin, verlaufe heute „nicht mehr zwischen denen, die den Kapitalismus verteidigen, und denen, die ihn ablehnen, sondern zwischen Hoffnung und Resignation“.[1] Angesichts „der schlimmsten Schrecken“ nicht zu verzweifeln, „nüchtern“ und „geduldig“ zu bleiben,[2] erfordert einige Anstrengung. Doch historisch betrachtet: Die Verhältnisse vor revolutionären Aufbrüchen und Umwälzungen sahen in der Vergangenheit selten anders aus. Einen solchen Blick auf Geschichte und Gegenwart wollen wir auch mit Heft 39 von Sozial.Geschichte wieder schärfen.

Ihr musstet / Sie mussten lange auf die neue Ausgabe warten, und das hatte seinen Grund. Unsere Zeitschrift befindet sich in einem Prozess der Umorganisierung. Seit diesem Heft hat sie einen neuen (kürzeren) Namen: „Sozial.Geschichte. Analysen zum 20. und 21. Jahrhundert“. Es gibt dank Andreas Hollender und Klaus Viehmann ein neues Layout. Wir haben auch einen neuen Newsletter. Wer (weiterhin) regelmäßig von uns über Veröffentlichungen und sonstige Neuigkeiten informiert werden möchte, kann sich hier anmelden: https://news.sozialgeschichte-online.de/subscription/form. Und vor allem freuen wir uns über neue Mitstreiter*innen in der Redaktion: Anda Nicolae-Vladu, Dirk Hauer, Helmut Dietrich, Jan Reise und Paula Müller – herzlich willkommen!

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Die Beiträge in diesem Heft

Unsere neue Redakteurin Anda Nicolae-Vladu eröffnet diesen Band mit einem Forschungsbeitrag über die Kämpfe junger osteuropäischer Arbeiterinnen* bei der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei AG und insbesondere am Produktionsstandort Delmenhorst im Zusammenhang mit dem unternehmensweiten Streik von 1927. Der Schwerpunkt ihres Artikels liegt nicht auf einer strukturgeschichtlichen Perspektive, sondern auf der Rekonstruktion der Widerstandspraktiken migrantischer Arbeiterinnen*, die sich sowohl gegen Arbeitsabläufe und Ausbeutung als auch gegen staatliche Entrechtungspolitiken, geschlechtsspezifische Unterdrückung, unmenschliche Lebensbedingungen und rassistische Zugehörigkeitsregime zur Wehr setzten. Darüber hinaus soll der Artikel zu einem Verständnis der Entstehung des antiosteuropäischen Rassismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Deutschen Kaiserreich beitragen. Aus einer materialistischen feministischen Perspektive werden Migration, Geschlecht, Rassismus, Kolonialismus und Kapitalismus als miteinander verflochtene soziale Beziehungen betrachtet. Neben kritischer Migrationsforschung, intersektionalen theoretischen Ansätzen und transnationaler Arbeitsgeschichte bezieht sich die Autorin insbesondere auf den Ansatz der Autonomie der Migration nach Sandro Mezzadra und Manuela Bojadžijev.

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In der Rubrik Diskussion erscheinen zwei Beiträge, die sich auf das im April 2024 unter anderem auf unserem Blog dokumentierte Thesenpapier der Initiativgruppe Sozialismus oder Barbarei beziehen.[3] Die nach Rosa Luxemburgs Parole aus dem Ersten Weltkrieg benannte Gruppe vertritt angesichts der aktuellen Kriege eine grundlegend antimilitaristische und antikapitalistische Position. Ihr Thesenpapier hat eine breite Diskussion ausgelöst. Karl Heinz Roth hat darauf mit einem Artikel über den „Zustand der Welt und die Lage der Unterklassen“ reagiert. In seinem Diskussionspapier befasst er sich – ausgehend von den aktuellen Konflikten im Nahen Osten, in der Ukraine und in Subsahara-Afrika – mit mehreren Schlüsselfaktoren, die zu deren Eskalation geführt haben. Anschließend untersucht er die neuen Herrschaftsstrategien der Einbindung und Konfrontation, mit denen die imperialistischen Großmächte ihre Maßnahmen gegen die unteren Klassen sichern. Abschließend nimmt er die Situation der globalen Unterklassen in den Blick und diskutiert die Möglichkeiten antisystemischer Gegenperspektiven.

Auch die Gruppe Blauer Montag geht in ihrer Stellungnahme von einer hochgradig fragilen und widersprüchlichen geopolitischen Gesamtlage aus, die die Gefahr einer nuklearen Eskalation birgt. Sie warnt davor, sich mit einer der involvierten Kriegsparteien oder einem „nationalen Interesse“ zu solidarisieren, da diese nicht auf die soziale Befreiung aller Menschen abzielen. Dabei handele es sich nicht um eine Position der Neutralität oder Äquidistanz, sondern um eine Position grundsätzlicher Kritik an kapitalistischer Klassenherrschaft. Eine linke Position zu diesen Konflikten kann demnach nur eine des eindeutigen Antimilitarismus sein – eine Position, die sich konsequent gegen Kriegsbereitschaft und Kriegsfähigkeit richtet und jede Form der Kriegsdienstverweigerung, Desertion und Sabotage der Kriegsmaschinerie unterstützt.[4] Die Auseinandersetzung mit dieser Position ist umso dringlicher, da das permanente Krisenregime und die damit einhergehende Polarisierung zwischen autoritärer Staatsräson der „bürgerlichen Mitte“ einerseits und rechtspopulistischer bzw. rechtsradikaler Mobilisierung andererseits emanzipatorische Positionen und Bewegungen marginalisiert. Klassenauseinandersetzungen, soziale Bewegungen und Sozialproteste finden zwar nach wie vor statt, verdichten sich allerdings selten zu langfristig gesellschaftsmächtigen Bewegungen. National wie international sind Proletariat und soziale Bewegungen stark zersetzt, zersplittert und zerklüftet. Angesichts dessen verweist die Gruppe Blauer Montag auf die Hoffnung, dass diejenigen, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben müssen, nicht mehr variables Kapital sein wollen. Im besten Fall kann dies eine politische Orientierung sein.

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Für unsere Rubrik Zeitgeschehen hat Serhat Karakayalı zwei Texte zur Situation in den USA verfasst. In seinem Artikel „Migration der Krise und Beschleunigung“ interpretiert er die aktuelle US-Migrationspolitik als Form politischer Kriegsführung. Er erkennt darin das Symptom einer hegemonialen Konstellation, in der Migration zum Schauplatz politischer Neuausrichtung wird. Ausgangspunkt sind die institutionellen „Wege“ einer emanzipatorischen Migrationspolitik, die in den 1990er- und 2000er-Jahren erkämpft wurden und nun durch eine auf zentralstaatlicher Ebene orchestrierte Kampagne angegriffen werden. Anhand wichtiger Präsidialdekrete, wie dem Alien Enemies Act, zeigt der Text, wie Rechtskategorien so gefaltet werden, dass die Exekutive als souverän erscheint. Diese Verschiebung wird durch neue infrastrukturelle Verknüpfungen materiell plausibel gemacht: die Ausweitung unprovozierter Kontrollen, bilaterale Rückführungsabkommen und die Einrichtung einer parallelen Polizeistruktur. Veranschaulicht durch das Motiv der „Migranten, die unsere Hunde und Katzen essen“, wird die dämonisierende Figur des Anderen mit Sozialabbau in Verbindung gebracht. Gleichzeitig offenbart der Angriff auf das Geburtsrecht, dass es um die demografische Grundlage der sogenannten „hispanischen Bedrohung“ geht. Der Diskurs über Migration erscheint somit als Hebel für eine autoritäre staatliche Transformation.

Kurz nachdem wir diesen Beitrag auf unserem Blog vorveröffentlicht hatten, eskalierte die innenpolitische Situation in US-Städten – insbesondere, nachdem die von der Trump-Administration aufgerüstete US-Bundesbehörde Immigration and Customs Enforcement (ICE) bei der Verfolgung von Migrant*innen zwei weiße US-Staatsangehörige getötet hat. Daraufhin formulierte Serhat Karakayalı ein Update als Ergänzung seiner vorangegangenen Analyse. In dem, was sich derzeit vollzieht, sieht er potentiell mehr als eine Empörungswelle. Der Angriff auf die Migration wird als Angriff auf die Gesellschaft erlebt. Die als überflüssig und deportierbar etikettierte Migration erweise sich dabei nicht nur sozial und kulturell als gesellschaftlich verschränkt, sondern auch als Konfliktpunkt, an dem gesellschaftliche Widersprüche zukunftsoffen werden. Der Ausnahmezustand, mit dem die etablierten Verfahren der Delegation und Aushandlung ausgesetzt werden, zeuge von einer Krise, die das politische System nicht lösen, sondern nur unterdrücken kann. Die Menschen, die sich in Minnesota und anderswo den Truppen der Deportationsbehörde in den Weg stellen, zeigten dagegen Wege für neue demokratische Formen auf, sich und die Gesellschaft nicht länger den blinden Kräften der Aneignung und Akkumulation auszuliefern. In unserem Blog findet sich dazu ergänzend ein Interview, das zwei befreundete italienische Zeitschriften mit Aktivist:innen aus Minnesota Ende Februar 2026 geführt haben.[5]

Ein weiterer Text in Heft 39 nimmt eine aktuelle Auseinandersetzung auf einem anderen Kontinent in den Blick: Seit dem 27. September 2025 wurden die Verhältnisse in Marokko zwei Wochen lang durch eine Jugendrevolte zum Tanzen gebracht, die breite Unterstützung in der Bevölkerung fand. In seinem Beitrag „Mudshahedin el khobs – Märtyrer des Brots vor Ceuta, an der Festung Europa“ beleuchtet Helmut Dietrich die regionalen Vorläufer, die Aktionsformen und die länderübergreifende Dimension dieser Aufstände. Dabei wird deutlich, dass sie auf das Engste mit den Kämpfen der Migration und den tausendfachen Versuchen, die Grenzen zu den spanischen Enklaven in Nordafrika zu überwinden, verknüpft sind. Ende letzten Jahres spitzte sich die Lage in Marokko, wo vom 21. Dezember 2025 bis zum 18. Januar 2026 der Afrika-Cup stattfand, erneut zu. Während sich das marokkanische Königshaus – auch als Co-Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 2030 – auf dem Weg zu einer kontinentalen Großmacht wähnt, befand sich das Land im Aufruhr. Bei den vor allem von Jugendlichen getragenen Aufständen wurde die Forderung nach Schulen und Krankenhäusern statt Investitionen in Großprojekte, wie neue, supermoderne Fußballstadien, laut. Dort errichteten die Herrschenden auf die Schnelle jeweils Polizeistationen mit Rundum-Videoüberwachung. Andernorts, an der Grenze zur spanischen Enklave Ceuta, gingen die Aktionen gegen die Festung Europa weiter, wie Helmut Dietrich in einem kurzen Online-Update ausführte.[6]

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In Heft 39 dokumentieren wird zudem ein Interview mit dem französischen Philosophen Jacques Rancière, welches Nicolas Truong im August 2025 für die Tageszeitung Le Monde geführt hat und das von unserem Redakteur Lars Stubbe übersetzt wurde. Darin äußert sich Rancière zur Frage nach den Ursachen und Dynamiken der weltweiten Erfolge autoritärer und faschistischer Kräfte und spricht über die Verantwortung der Intellektuellen, auch der Sozialwissenschaften. Es geht ihm um Möglichkeiten, die „Traurigkeit des Wissens“ zu überwinden – also das Dilemma, alles darüber zu wissen, wie Herrschaft funktioniert, aber dadurch keine Waffen zu ihrer Bekämpfung (mehr) in den Händen zu halten. Mithilfe der Erzählungen von Tschechow weist Rancière darauf hin, dass – entgegen der These, Freiheit sei erst möglich, wenn die Grundlage der Gesellschaft selbst sich gewandelt haben wird –Unterwerfung unter die bestehende Unfreiheit zuallererst der Angst vor dem unbekannten Gebiet der Freiheit geschuldet sei. Auch wenn die Freiheit aller Menschen weit entfernt sei – sie ruft uns aus der Ferne dazu auf, unser Leben sofort zu ändern. Eben diese Signale sendeten die kleinen utopischen Gemeinschaften der Gegenwart, in denen Rancière Formen des „Lebens als Gleiche“ erkennt.

Im zweiten Dokument nimmt Anne Sudrow den 150. Geburtstag des Metallarbeiters und Gewerkschafters Hans Böckler zum Anlass, sowohl an seine Verdienste als auch an seine gescheiterten Initiativen für eine Demokratisierung der deutschen Wirtschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu erinnern. Böckler war der Ansicht, dass die Einführung der Demokratie auch in den Unternehmen eine Grundvoraussetzung für die langfristige politische Stabilisierung des Parlamentarismus in Deutschland sei. Diese Vorstellungen konnten er und seine Kollegen des Deutschen Gewerkschaftsbundes allerdings nur in geringem Maße durchsetzen. Gerade in der gegenwärtigen politischen Situation zeigt sich jedoch, wie aktuell seine Analysen und Erfahrungen aus der Zeit nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg noch immer sind.

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Das neue Heft enthält wieder eine Reihe Buchvorstellungen. In einem Rezensionsessay führt Ahlrich Meyer in die neueste Veröffentlichung des Historikers Stephan Lehnstaedt „Der vergessene Widerstand. Jüdinnen und Juden im Kampf gegen den Holocaust“ (2025) ein. Stephan Liebscher stellt das Buch „Grenzen und Bewegungsfreiheit. Eine kritische Einführung“ (2025) von Fabian Georgi vor, welches er in eine Reihe jüngerer marxistischer Reflexionen progressiver migrationspolitischer Alternativen einordnet. Helmut Dietrich rezensiert die von Ulrich Bröckling herausgegebene und neu aufgelegte Publikation „Nieder mit der Disziplin! Hoch die Rebellion! Anarchistische Soldaten-Agitation im Deutschen Kaiserreich“ (2025). Und schließlich bespricht Gottfried Oy „Frech und Frei. 50 Jahre Kämpfe der Behindertenbewegung“ (2025) von Udo Sierck, einem der zentralen Akteure der westdeutschen Behindertenbewegung.

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Am 27. Oktober 2025 verstarb Mathias Deichmann (*1943). Er war der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts langjährig verbunden – seine Biografie ist nicht zuletzt in der Geschichte der sozialen Kämpfe seit den 1960er-Jahren verankert. In einem Nachruf würdigt Karl Heinz Roth seine vielseitige Persönlichkeit und sein Schaffen.

Eine erkenntnisreiche Lektüre wünscht

die Redaktion


[1] Søren Mau, Kommunismus ist Freiheit, in: Jacobin, 11. August 2023, [https://jacobin.de/artikel/kommunismus-ist-freiheit-demokratie-zukunftsvision-kooperation-ressourcen-soren-mau].

[2] Antonio Gramsci, Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 9: Hefte 22 bis 29, 3. Aufl., Hamburg 2024, Heft 28, § 11, S. 2232.

[3] Initiativgruppe Sozialismus oder Barbarei, Fünfzehn Thesen für einen neuen Antiimperialismus, April 2024, [https://sozialgeschichte-online.org/wp-content/uploads/2024/05/fuenfzehn-thesen-fuer-einen-neuen-antiimperialismus_initiativgruppe_sozialismus_oder_barbarei_2024.pdf].

[4] Siehe u. a. Protest von Arbeiter*innen gegen die Militarisierung im Betrieb: [https://www.labournet.tv/de/videos/collections/antimilitarismus] und [https://www.labournet.tv/de/aktuelles/redeVW].

[5] Siehe [https://sozialgeschichte-online.org/2026/02/25/minnesota-usa-wie-wir-widerstand-gegen-ice-leisten].

[6] Vgl. Helmut Dietrich, Zwischen Afrika-Cup und Aufstand: Zur Situation in Marokko, 22. Dezember 2025, [https://sozialgeschichte-online.org/2025/12/22/zwischen-afrika-cup-und-aufstand-zur-situation-in-marokko/#more-4315].