Heft 30 ist erschienen

Das aktuelle Heft von Sozial.Geschichte Online ist erschienen und steht wie immer kostenlos auf dem Portal der Universität Duisburg-Essen zum Download bereit. Das Heft enthält einmal mehr sowohl historische als auch auf aktuelle soziale Konflikte bezogene Texte. Im Forschungsteil finden sich Beiträge zu Gewerkschaften und Migration in der Werftindustrie (Katharina Bothe und Johanna Wolf) sowie zu Erwerbslosenprotesten in der Weimarer Republik (Harald Rein). Konflikte der Jetztzeit analysieren Dorothea Biaback Anong, die den Diskurs über landwirtschaftliche Arbeit und Migration in der Pandemie nachzeichnet, sowie Helmut Dietrich, der die Erneuerung aktueller Strategien im EU-Grenzregime kritisch beleuchtet. Texte und Bücher rezensieren und kommentieren außerdem Lisa Carstensen, Gerhard Hanloser, Silke Nora Kehl, Manuel Lautenbacher und Ahlrich Meyer. Für den Link zu diesen Texten und das Editorial bitte weiterlesen.

Editorial

Die Geschichte der Zeitschrift führt 35 Jahre zurück bis Oktober 1986 – in diesem Monat erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, herausgegeben von der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts. Im Jahr 2003 erfolgte die Umbenennung der Zeitschrift in Sozial.Geschichte. Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts. 2009 wurde die Zeitschrift ins Internet verlegt und heißt seitdem Sozial.Geschichte Online. Inzwischen erscheint die Zeitschrift als Online- und als Printversion. Diesen doppelten Geburtstag – Heft 30 der Sozial.Geschichte Online und 35 Jahre Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts – nehmen wir zum Anlass für einen kleinen Rückblick. Woher wir kommen und wohin wir gehen wollen, ist im Beitrag „In eigener Sache“ nachzulesen.

Die Beiträge im vorliegenden Heft befassen sich erneut mit einer Vielfalt an Themen, doch Verbindendes lässt sich auch hier finden: Soziale und gewerkschaftliche (Arbeits-)Kämpfe der Vergangenheit und Gegenwart, meist in Verbindung mit einer migrantischen Perspektive, bilden den Schwerpunkt des vorliegenden Hefts – sowohl in den Rubriken „Forschung“ und „Zeitgeschehen“ als auch bei den Buchrezensionen. Die Auseinandersetzung mit marxistischer Theorie(geschichte) wird in diesem Heft unter der Rubrik „Diskussion“ fortgesetzt. In die aktuelle erinnerungskulturelle Debatte zur nationalsozialistischen Vergangenheit und ihrer Verortung im postkolonialen Kontext greifen wir durch zwei Rezensionen ein. Im Rezensionsteil bieten wir auch einer „Geschichte von unten“ wieder Raum.

Im ersten Forschungsbeitrag untersuchen Katharina Bothe und Johanna Wolf die Rolle von Gewerkschaften und Betriebsräten in der westdeutschen Schiffbauindustrie von 1960 bis 1983 im Zusammenhang mit Arbeitsmigration. Innerhalb von zwei Jahrzehnten wurden die ursprünglich boomenden Großwerften von einer Wirtschaftskrise getroffen, die schwerwiegende Auswirkungen auf die Beschäftigung von Arbeitsmigranten hatte. Die Ergebnisse, die auf 29 mündlichen Interviews mit ehemaligen Mitarbeitern dreier führender Werften und auf Archivquellen beruhen, zeigen, dass es zwar Integrationsbemühungen gab, die Gewerkschaften aber nicht gegen die sich abzeichnenden strukturellen und subjektiven Benachteiligungen und Ausgrenzungen von Arbeitnehmern mit Migrationshintergrund vorgingen. Darüber hinaus identifizieren die Autorinnen Diskriminierungserfahrungen, migrantisches Handeln und gewerkschaftliche Initiativen von unten, die bisher kaum dokumentiert wurden.

Im zweiten Forschungsbeitrag dieser Ausgabe beschreibt und bewertet Harald Rein unterschiedliche Formen des Erwerbslosenprotests in der Weimarer Republik. Diese umfassen sowohl Organisationsversuche innerhalb der Arbeiterbewegung als auch Formen der Selbstorganisation. Bisher sind die Aktivitäten Erwerbsloser – nicht nur während der Weimarer Republik – kaum registriert worden oder gerieten als Teil der Geschichte der Arbeiterbewegung in Vergessenheit. Aber gerade das Beharren auf organisatorischer Eigenständigkeit bei gleichzeitig ausgeprägter Eigensinnigkeit der Beteiligten hat eine Erwerbslosenbewegung geschaffen, deren historische Bedeutung nur langsam erkennbar wird.

Gerhard Hanloser diskutiert im darauffolgenden Beitrag das neu erschienene Buch von Domenico Losurdo und hinterfragt kritisch die einmütig positive Resonanz, die diese Schrift über die Geschichte des westlichen Marxismus bei Teilen der linken Öffentlichkeit hervorgerufen hat. Hanloser entdeckt zahlreiche inhaltliche Ungereimtheiten und verweist auf Losurdos Fehldeutungen westlicher marxistischer Denker*innen, deren Blick seit 1917 für sozialistische Entwicklungen jenseits der westlichen Welt versperrt gewesen sei. Kritisch nimmt Hanloser Stellung zur Apologetik gegenüber autoritären Formen des Sozialismus in China oder anderen postkolonialen Staaten, unabhängig von ihrer politischen oder sozioökonomischen Ausrichtung, die Losurdo mit seinem Werk bezwecke.

Unter der Rubrik „Zeitgeschehen“ finden sich zwei Beiträge zu Migration, Ausbeutung und Repression in Europa: Dorothea Biaback Anong analysiert das Regime landwirtschaftlicher Saisonarbeit in Deutschland vor und während der Corona-Pandemie und ordnet ihre Ergebnisse historisch ein. Sie arbeitet dabei Kontinuitäten jenseits pandemiebedingter Veränderungen heraus. Ihre zentrale Beobachtung, dass das ökonomische Interesse an migrantischer Arbeitskraft und das national-konservative Interesse an Restriktion von Migration – Interessen, die sich im politischen Diskurs über Migration sonst konfliktiv gegenüberstehen – in den politischen Auseinandersetzungen um Saisonarbeitsmigration in der Landwirtschaft miteinander verschmelzen und sich gegenseitig bestärken, diskutiert die Autorin unter Rückgriff auf die migrationswissenschaftliche Literatur.

Helmut Dietrich verfolgt in seinem Aufsatz aktuelle EU-Strategien der Repression gegenüber der Flüchtlingshilfe. Als solche identifiziert er zum einen die humanitär begründete Kriminalisierung mutmaßlicher „Bootsfahrer“, denen Schleusung und Gefährdung von Menschenleben vorgeworfen wird, und zum anderen die Herausbildung einer Art Feindstrafrecht gegen das fluchtsolidarische Monitoring, das auf das stille Massensterben im Mittelmeer aufmerksam macht und zunehmend mit paramilitärischen und geheimdienstlichen Methoden bekämpft wird. Die ungebremste und gesetzlose Verfolgung von sogenannten Bootsfahrern hat in Griechenland inzwischen zu einer neuen größeren Gefangenenpopulation geführt. Die Anti-Terror-Vorwürfe und Ermittlungen gegen solidarische transnationale Basisinitiativen sind in Europa beispiellos. Dietrich schlägt zwei Antworten auf diese Kriminalisierungen vor: Es gelte, alltagspolitische und soziale Aufmerksamkeit für die in Südeuropa inhaftierten „Bootsfahrer“ zu entwickeln und der Kriminalisierung von Unterstützern an der EU-Peripherie mit Verweigerung und Protest in den EU-Zentren zu begegnen.

In unserem Rezensionsteil werden fünf neue Veröffentlichungen besprochen: Den Anfang macht Ahlrich Meyers Besprechung des aktuell viel diskutierten Buchs Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung von Michael Rothberg. Meyer diskutiert Rothbergs Überlegungen, wie eine deutsche Erinnerungskultur aussehen könnte, die die Singularität des Holocausts nicht dadurch infrage stellt, dass sie andere Opfergruppen sowie die Erinnerung an imperiale, koloniale Verbrechen mit einschließt. In einem ähnlichen Themenfeld bewegt sich auch die zweite Rezension von Meyer zu Iris Därmanns Essaysammlung Undienlichkeit. Gewaltgeschichte und politische Philosophie. Därmann präsentiert philosophisch-kulturhistorische Überlegungen zum Zusammenhang von Gewaltpraktiken und Widerstandsformen in kolonialen Kontexten und den Vernichtungsvorgängen und Überlebensstrategien in deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern.

Silke Nora Kehl rezensiert den von Ulrike Pilarczyk, Ofer Ashkenazi und Arne Homann herausgegebenen Sammelband Hachschara undJugend-Alija. Wege jüdischer Jugend nach Palästina 1918–1941. Die versammelten Aufsätze bieten einen Überblick über die Geschichte der Auswanderung nach Palästina, die in Deutschland durch jüdisch-zionistische Organisationen vorbereitet wurde und durch die letztlich zahllose Menschen vor der Vernichtung gerettet werden konnten.

Der von Leda Papastefanaki und Nikos Potamianos herausgegebene Band Labour History in the Semi-Periphery. Southern Europe, 19th-20thCenturies untersucht die Geschichte von Arbeit in der Semiperipherie jenseits der Vorstellung von einer Entwicklungslogik in Richtung Zentrum oder in Richtung Peripherie. Die Texte, die für ein transnationales Verständnis von Arbeit plädieren, werden von Manuel Lautenbacher diskutiert.

Lisa Carstensen rezensiert Simon Goekes Dissertation „Wir sind alle Fremdarbeiter!“ Gewerkschaften, soziale Kämpfe und soziale Bewegungen in der Bundesrepublik der 1960er und 1970er Jahre, in der Goeke migrantische Akteur*innen als aktiven Teil der Protestbewegungen der BRD untersucht.

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Als Verfechter*innen des geschriebenen linken Wortes möchten wir unsere interessierten Leser*innen noch auf Folgendes verweisen: Vor 65 Jahren, im August 1956, hat das Bundesverfassungsgericht der Bundesrepublik die KPD für verfassungswidrig erklärt. Dies führte zum Verbot der Partei und damit zu tausenden Verfahren und Verurteilungen. Dass der Verfassungsschutz auch im siebten Jahrzehnt des Verbots weiterhin antikommunistisch argumentiert, ist keine Neuigkeit. Interessant ist es aber dennoch, sich mit einer Antwort des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) auf eine kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE im Bundestag zur Nennung der Tageszeitung junge Welt im Verfassungsschutzbericht zu beschäftigen. Als verfassungsfeindlich gilt nach dem Autor Prof. Dr. Günter Krings, Jurist an der Kölner Universität sowie Staatssekretär im BMI und MdB (CDU), eine Gesellschaftstheorie, die „die Aufteilung einer Gesellschaft nach dem Merkmal der produktionsorientierten Klassenzugehörigkeit“ vornimmt. Das widerspreche „der Garantie der Menschenwürde“, nach der jeder Einzelne „stets als grundsätzlich frei zu behandeln“ sei. Der Bote wird hier für die Botschaft bestraft: Nicht die Klassengesellschaft sei Schuld an Unterdrückung und Missachtung der Menschenwürde, sondern eine kritische Gesellschaftstheorie, die sie analysiert. Wenn diese Begründung Schule machen sollte, könnten zukünftig noch ganz andere Institutionen im Verfassungsschutzbericht landen. Bleibt nur, die alte und immer wieder aktuelle Forderung zu wiederholen: Verfassungsschutz abschaffen! Das gilt auch für das neue „wissenschaftliche“ Forschungsinstitut des Verfassungsschutzes, gegen dessen Gründung bisher mehr als dreihundert Wissenschaftler*innen überwiegend aus dem Feld der Bewegungsforschung „Einspruch“ erhoben haben

Hoffnungsvoll stimmt die Reise für das Leben der Zapatistas, mit der sie den Virus des Widerstandes und der Rebellion auf allen fünf Kontinenten verbreiten wollen. Die erste Delegation von sieben Zapatistas startete Anfang Mai 2021 in Chiapas, sie überquerte mit einem Segelschiff den Atlantik und betrat am 23. Juni 2021 im spanischen Vigo europäisches Festland. Mehr als hundert weitere Delegierte, davon ein Dreiviertel Frauen*, folgten per Flugzeug. Wochenlang verweigerten die französischen Behörden mit vorgeschobenen Gründen die Einreise der Zapatistas. Mitte September 2021 konnte die große Delegiertengruppe schließlich in Wien landen und ihre Europatour beginnen. Die Zapatistas wollen sich auf der ganzen Welt mit Menschen treffen, austauschen und vernetzen, die von unten und von links gegen jegliche Formen der Unterdrückung, der Ausbeutung, der Zerstörung der Lebensgrundlagen und für eine befreite, solidarische Gesellschaft in basisdemokratisch und autonom verwalteten Strukturen kämpfen. In ihrer Erklärung für das Leben vom Januar 2021 führen sie aus, was unsere Kämpfe – jenseits aller Unterschiede und Gegensätzlichkeiten – verbindet:

Dass wir uns die Schmerzen der Erde zu eigen machen: die Gewalt gegen Frauen; die Verfolgung und Verachtung der in ihrer affektiven, emotionalen, sexuellen Identität Differenten; die Vernichtung der Kindheit; der Genozid an den Originarios, den indigenen Pueblos; der Rassismus; der Militarismus; die Ausbeutung; die Zerstörung der Natur.

Die Verständigung: Der Verantwortliche für diese Schmerzen ist ein System. Den Henker stellt ein ausbeuterisches, patriarchales, pyramidenförmiges, rassistisches, räuberisches und kriminelles System dar: der Kapitalismus.

Das Wissen: Es ist nicht möglich, dieses System zu reformieren, zu erziehen, abzumildern, zurechtzufeilen, zu zähmen, zu humanisieren.

Die Verpflichtung: Zu kämpfen, überall und jederzeit – jede/r auf ihrem/seinem Gebiet – gegen dieses System – bis es vollständig zerstört ist. Das Überleben der Menschheit hängt von der Zerstörung des Kapitalismus ab. Wir ergeben uns nicht, wir verkaufen uns nicht – und wir geben nicht nach.

Die Gewissheit: Der Kampf für die Menschheit ist weltweit. So wie die laufende Zerstörung keinerlei Grenzen, Nationalitäten, Fahnen, Sprachen, Kulturen, Ethnien anerkennt, so ist der Kampf für die Menschheit überall und jederzeit.

Die Überzeugung: Es sind viele Welten, die auf der Welt leben und kämpfen. Und jeder Anspruch auf Homogenität und Hegemonie verstößt gegen die Essenz der menschlichen Wesen: ihre Freiheit. Die Gleichheit der Menschheit liegt in der Respektierung der Differenz. In ihrer Diversität liegt ihre Ähnlichkeit.

Die Erkenntnis: Nicht der Anspruch unseren Blick, unsere Schritte, unsere Begleitungen, Wege und Ziele aufzuzwingen, erlaubt es uns voranzuschreiten, sondern das Hören und Sehen des Anderen, welches – verschieden und unterschiedlich – dieselbe Bestimmung zu Freiheit und Gerechtigkeit hat.

Gemeinsame Erklärung eines Teils des Europas von unten und der EZLN

Nach mehr als fünf Jahrhunderten europäischen Kolonialismus kommunizieren die Zapatistas ihre Reise als eine „umgekehrte Invasion“. Im Rahmen dessen benannten sie Europa in Slumil K‘ajxemk‘op um – das heißt in der indigenen Sprache Tzotzil „rebellisches Land“, oder „Land, das nicht aufgibt und nicht verzagt“. Mit Blick auf die sich auch in der Bundesrepublik und durch die Pandemie einmal mehr zuspitzenden sozialen Kämpfe und politischen Auseinandersetzungen – wie zum Beispiel die Streikbewegungen der Gorilla Riders, der Berliner Krankenhausbewegung oder der Bahnbeschäftigten, die Kämpfe gegen Rassismus, Faschismus und das Patriarchat, die Klimastreiks, die Mieterproteste oder die Enteignungskampagne Deutsche Wohnen & Co enteignen – kommt diese Zuversicht gerade richtig.

Viel Erkenntnisgewinn beim Lesen wünscht

die Redaktion