In einer unserer Lieblingszeitschriften, der schwedischen Arbetaren, hat Gabriel Kuhn einen kurzen Kommentar über die diesjährige Fußball-WM und die Gigantomanie der FIFA geschrieben. Für den Blog von Sozial.Geschichte haben wir seinen Text aus aktuellem Anlass übersetzt.
Heute beginnt die 23. Fußball-Weltmeisterschaft der Männer. Die allermeisten der 104 Spiele des Turniers werden in den USA ausgetragen. Einige wenige Partien finden in Kanada und Mexiko statt, darunter das Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt.
Wer Fußball liebt, sollte dieses Turnier hassen. Die Spiele sind Ausdruck der Gigantomanie des internationalen Fußballverbands FIFA. Es ist das erste Mal, dass 48 Mannschaften an einer Fußball-WM teilnehmen. Das sind viel zu viele Mannschaften, um den Überblick zu behalten – was eigentlich der Reiz großer Turniere ist. Eigentlich sollen sich die besten Mannschaften nach einer langen Runde von Qualifikationsspielen treffen. Da aber jedes Spiel Einnahmen für die FIFA bedeutet, werden wir in der Gruppenphase jede Menge mittelmäßigen Fußball zu sehen bekommen, wo wahrscheinlich ein Sieg in drei Spielen ausreicht, um in die Playoffs zu kommen.
Sportlich gesehen ist das ziemlich sinnlos. Genau wie die Qualifikationsspiele unter den derzeitigen Umständen. Schweden ist bei der WM dabei, obwohl sie in ihrer Qualifikationsgruppe kein einziges Match gewonnen haben. Die Mannschaft erhielt einen Playoff-Platz durch einen weiteren sportlich fragwürdigen Wettbewerb, die Nations League, und zwei Siege später war das WM-Ticket plötzlich gesichert. Schön für schwedische Fußballfans, langweilig für alle anderen.
Sport ist Politik
Aber Gigantomanie und Mangel an Logik und Sportlichkeit sind nur die eine Sache. Das andere ist, dass der allergrößte Teil des Turniers, den Hunderttausende Fans aus aller Welt vor Ort miterleben, in einem Land stattfindet, in dem Migranten auf den Straßen gejagt werden, in dem Bürgern aus einer Vielzahl von Ländern Visa verweigert werden und in dem in den letzten Monaten mehrere militärische Angriffe auf andere Länder geplant und durchgeführt wurden, unter anderem gegen den Iran – ein Land, das ebenfalls eine Mannschaft zum Turnier entsendet. Die USA – ein Land auf dem Weg in eine Autokratie.
Ginge es nicht um die USA, könnte eine Boykottbewegung wohl an Fahrt gewinnen, doch Opportunismus und verhängnisvolle Allianzen führen dazu, dass alle relevanten Versuche in diesem Fall als „unrealistisch“ abgetan werden. Zum einen, weil die meisten Politiker dieser Welt feige sind und vor Trump kriechen, zum anderen, weil sie Angst vor der Macht des Fußballs haben.
Die weltweite Popularität des Spiels ist ungebrochen, trotz aller Kritik, die gegen die FIFA und die moderne Fußballindustrie gerichtet wird.
Dort, wo Kritik laut wird, ist das Gegenargument immer wieder: Sport und Politik dürfen nicht vermischt werden! Das war noch nie ein gutes Argument, aber aktuell ist es völlig absurd. Im Dezember 2025 verlieh FIFA-Präsident Gianni Infantino dem US-Präsidenten Donald Trump den ersten Friedenspreis der FIFA. Der Preis wurde nur ins Leben gerufen, weil Trump sauer war, dass er nicht den Friedensnobelpreis erhalten hatte. Sport und Politik dürfen nicht vermischt werden? Das gilt offenbar nicht an der Spitze der Gesellschaft.
Die FIFA saugt die Seele aus dem Fußball
Ich liebe Fußball und kann gut nachvollziehen, dass Menschen auf der ganzen Welt sich auf eine Weltmeisterschaft freuen und viel opfern, um vor Ort dabei zu sein. Es hat etwas Wunderbares, dass Menschen mit völlig unterschiedlichen Hintergründen sich durch einen Sport finden können. Das Tragische ist, dass die FIFA und ihre politischen und wirtschaftlichen Komplizen aufgrund all des Schönen am Fußball tun und lassen können, was sie wollen. Sie beuten die Seele des Spiels für ihre eigene Macht und Bereicherung aus.
Aber worauf ich mich bei diesem Turnier am meisten freue, sind all die kreativen Proteste, die von engagierten und mutigen Menschen durchgeführt werden. Proteste gegen die politischen Machthaber, aber auch gegen Sportfunktionäre, die den Sport für ihre eigenen ökonomischen und politischen Interessen benutzen.