Heft 24 ist erschienen

Das neue Heft der Sozial.Geschichte Online ist auf den Seiten von DuEPublico als PDF erschienen und kann dort kostenlos heruntergeladen werden. Die Printausgabe von Heft 24 wird in Bälde erscheinen. Das aktuelle Heft enthält Forschungsbeiträge von Karl Heinz Roth über das Lebenswerk des Genetikers und Wissenschaftshistorikers Benno Müller-Hill, von Ahlrich Meyer anlässlich des Reprints von H. G. Adlers Buch Theresienstadt 1941–1945 sowie von Jan-Henrik Friedrichs über Wissensproduktion und Disziplinierung im Kontext des „Radikalenerlasses“, einen Diskussionsbeitrag von Wulf D. Hund über Rassismen in einem Brief von Karl Marx sowie zwei Beiträge zum Zeitgeschehen: Ryoko Mori berichtet über die Japan-Konferenz und ihre wachsende Popularität und Stephan Krull beschäftigt sich mit dem Abgasbetrug und seinen Folgen.

Editorial

Heft 24 der Sozial.Geschichte Online / Offline erinnert gleich an zwei fast vergessene Persönlichkeiten der Nachkriegszeit, die einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus geleistet haben. Es sind dies der Genetiker und Wissenschaftshistoriker Benno Müller-Hill, der im August diesen Jahres im Alter von 85 Jahren verstorben ist, sowie der jüdische Historiker, Soziologe und Schriftsteller Hans Günter Adler (1910–1988). Adler hatte eine vierjährige Haft in mehreren nationalsozialistischen Konzentrationslagern überlebt, als er 1955 unter dem Titel Theresienstadt 19411945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft eine der ersten umfassenden Analysen des nationalsozialistischen Lagersystems veröffentlichte. Ahlrich Meyer dokumentiert in seinem Beitrag „‚Ein Kafka-Roman mit umgekehrten Vorzeichen‘“ die Hintergründe der Entstehung dieses wichtigen Buches anhand von bisher unveröffentlichten Archivdokumenten, etwa des Briefwechsels des Autors mit Theodor Adorno, der die Erstveröffentlichung vehement unterstützte. Meyer, dessen Beitrag zu „Jüdischen Immigranten in der belgischen Ökonomie“ wir in Heft 22 und Heft 23 veröffentlicht haben, geht der zeitgenössischen Rezeption und Wirkungsmächtigkeit des Theresienstadt-Buches nach und erläutert dessen nach wie vor wichtige Einsichten über die Bedeutung von Tarnung, Täuschung und Betrug für die Sozialtechnik des Judenmords während des Nationalsozialismus.

Auch Benno Müller-Hill beschäftigte sich mit dem Nationalsozialismus und seinen Nachwirkungen, allerdings aus einer gänzlich anderen Perspektive, wie der Beitrag von Karl Heinz Roth, „Genetische Forschung in der Konfrontation mit der NS-Anthropologie – Das Lebenswerk des Genetikers und Wissenschaftshistorikers Benno Müller-Hill“, zeigt. Benno Müller-Hill gehörte zu den wichtigsten Genetikern und Biochemikern der 1960er und 1970er Jahre und setzte sich gleichzeitig intensiv mit der Rolle der Humanwissenschaften bei der Vorbereitung, Durchführung und Verwertung der nationalsozialistischen Vernichtungspraxis auseinander. Müller-Hill veröffentlichte 1984 Tödliche Wissenschaft, eine Untersuchung über die NS-Anthropologie, welche in viele Sprachen übersetzt und – insbesondere außerhalb Deutschlands – breit rezipiert wurde. Dieses Buch und weitere Texte brachten Müller-Hill heftige Konflikte und Auseinandersetzungen mit Fachkollegen und wissenschaftlichen Institutionen ein und gefährdeten immer wieder seine Karriere als Biochemiker. Sie führten aber 1997 schließlich dazu, dass die Max-Planck-Gesellschaft eine Historiker*innenkommission einsetzte, um das Handeln ihrer Vorgängerin, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, während der Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Karl Heinz Roth würdigt in seinem Beitrag sowohl die wissenschaftlichen Leistungen von Müller-Hill auf dem Feld der Genetik als auch seine konsequente Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Dies ergänzt der Autor mit eigenen Erinnerungen an Diskussionen mit und über Benno Müller-Hill innerhalb der alternativen Gesundheitsbewegung der 1980er Jahre.

Der dritte Forschungstext in dieser Ausgabe, „Was verstehen Sie unter Klassenkampf?“ von Jan Hendrik Friedrichs, beschäftigt sich mit den lokalen Auswirkungen des sogenannten „Radikalenerlasses“ von 1972 auf der Grundlage einer am Foucault’schen Machtbegriff orientierten Perspektive. Anhand von Quellenstudien zur Situation an Bremer Schulen untersucht der Autor die diskursive Wirkung der „Berufsver­bote“. Er plädiert dafür, Berufsverbote als Geschichte der Überwachung und sozialen Regulierung zu begreifen, die auch jenseits der offenen und expliziten Repression Konsequenzen hatte.

In der Rubrik „Diskussion“ findet sich ein Beitrag zu einer bereits seit langer Zeit anhaltenden Debatte um die moralische und politische Integrität von Karl Marx und zu deren Folgen für die heutige Interpretation des Marxismus. Wulf D. Hund ergründet in „Der ‚jüdische Nigger‘ Lassalle. Marginalie zu einem Brief von Karl Marx“, warum Marx, der sonst mit Ideologiekritik nicht sparte, sich im Bezug auf Antisemitismus und Rassismus nicht nur nicht analytisch verhielt, sondern in seinen Polemiken immer wieder auch auf rassistische und antisemitische Diskriminierungen zurückgriff. Gleichwohl betont der Autor, der sich in Heft 21 der Sozial.Geschichte Online mit dem Rassismus Eric Voegelins auseinandersetzte, dass Karl Marx eine prinzipiell emanzipatorische Position einnahm. Wulf D. Hund plädiert daher dafür, eine kritische Auseinandersetzung mit dem Marx’schen Werk in die Diskussion um eine marxistische Rassismustheorie einzubinden.

Unsere Rubrik „Zeitgeschehen“ ist einmal mehr mit der Frage befasst, wie der gewachsenen Präsenz und Macht rechter Parteien und Gruppierungen begegnet werden könnte. In Sozial.Geschichte Online wurde diese Frage in den vergangenen Jahren unter anderem in Bezug auf die Rezeption von Texten Didier Eribons geführt. Doch nicht nur in Deutschland und Europa ist die Debatte der Ursachen und Folgen rechter und rechtsradikaler Organisierung in vollem Gang. Der Beitrag von Ryoko Mori in diesem Heft zeigt, dass es auch in Japan ähnliche Entwicklungen und Diskussionen gibt. Die Autorin analysiert in ihrem Beitrag die Entstehung der rechten Bewegung „Japan-Konferenz“ und ihren Einfluss auf die japanische Politik und Gesellschaft.

Darüber hinaus wird in der vorliegenden Ausgabe anlässlich des sogenannten Abgasskandals untersucht, warum die Automobillobby in der Bundesrepublik einen weit stärkeren Einfluss auf die Bundesregierung hat als Millionen von geprellten Autofahrer*innen. Dabei werden sowohl die Bundesregierung als auch die Automobilkonzerne nicht müde zu betonen, dass es ihnen in erster Linie darum geht, Arbeitsplätze zu schützen. Es fragt sich deshalb seit einiger Zeit, wie die Beschäftigten von VW, Daimler und Audi den Betrug der Automobilindustrie beurteilen und welche Folgen er bisher für diese hatte. Während in den öffentlichen Medien hauptsächlich das Management und „Expert*innen“ zu Wort kamen und kommen, ist von denen, die die Autos bauen, kaum etwas zu vernehmen. Stefan Krull, ehemaliger Betriebsrat bei VW, liefert mit seinem Artikel „Hauptsache Arbeit? Der Abgasbetrug und seine Folgen“ einen Einblick in die betrieblichen Verhältnisse der Automobilbranche. Der Artikel macht zweierlei deutlich: Einerseits zeigt er, welche Folgen das Co-Management der Gewerkschaft IG Metall in einer solchen Krise hat – es verhindert nicht nur jedwede klassenkämpferische Aktion, sondern auch das Nachdenken über Alternativen. Andererseits zeigt er, dass eine intensivere Auseinandersetzung mit betrieblichen Verhältnissen dringend notwendig ist, um gesamtgesellschaftlich Strategien zu entwickeln, welche die Konsument*innen nicht gegen die Produzent*innen ausspielten, sondern vielmehr die gemeinsamen Interessen in den Vordergrund stellen.

Im Rezensionsteil bespricht Linus Klappenberg das neue Buch der Wiener Historikerin Andrea Komlosy Grenzen. Räumliche und soziale Trennlinien im Zeitenlauf. Wie auch schon das erste Buch von Komlosy, Arbeit in globalhistorischer Perspektive, bietet dieses eine gute Einführung ins Thema. Allerdings bezieht Komlosy auch in diesem Buch, so zeigt der Rezensent auf, die Akteur*innen und hier insbesondere diejenigen, welche Grenzen am meisten herausfordern – die Geflüchteten , nur ungenügend mit ein. Ewgeniy Kasakow bietet mit seiner Rezension eines in russischer Sprache erschienen Buches von A. S. Posadskij einen Einblick in die aktuelle Forschungsdiskussion zum russischen Bürgerkrieg Anfang des 20. Jahrhunderts. Das von ihm rezensierte Buch Die Grüne Bewegung im Russischen Bürgerkrieg. Die Bauernfront zwischen den Roten und den Weißen 1918–1922 differenziert den bisher reduktionistischen Blick eines Konfliktes zwischen den „Roten“ (Bolschewiken) und den „Weißen“ (Konterrevolutionären). Die kürzlich erschienene Dissertation von Ulrike Schult Zwischen Stechuhr und Selbstverwaltung. Eine Mikrogeschichte sozialer Konflikte in der jugoslawischen Fahrzeugindustrie 1965–1985 repräsentiert ein längst überfälliges, neu aufkommendes Interesse der Osteuropahistoriker*innen an Arbeitsbeziehungen in staatssozialistischen Ländern. Ulrike Schult attestiert dieser Studie, einen wichtigen Beitrag zur Frage nach der Legitimation der Kommunistischen Partei und des Staates des ehemaligen Jugoslawiens zu leisten.

Neben den hier genannten Rezensionen finden sich noch vier weitere Buchbesprechungen in diesem Heft: Florian Grams rezensiert Robert Pfützners Veröffentlichung Solidarität bilden. Sozialistische Pädagogik im langen 19. Jahrhundert, Galina Hristeva bespricht Andreas Peglaus Rechtsruck im 21. Jahrhundert. Wilhelm Reichs Massenpsychologie des Faschismus als Erklärungsansatz, Veronika Müller widmet sich Wolfgang Hiens Buch Kranke Arbeitswelt. Ethische und sozialkulturelle Perspektiven und Andreas Peglau würdigt Knuth Müllers umfassende Studie Im Auftrag der Firma. Geschichte und Folgen einer unerwarteten Liaison zwischen Psychoanalyse und militärisch-nachrichtendienstlichen Netzwerken der USA seit 1940. Zum Schluss wollen wir auf den persönlich gehaltenen Nachruf unseres Redaktionsmitglieds Hartmut Rübner auf den Bremer Historiker Peter Kuckuk hinweisen.

Wie bereits die letzten drei Ausgaben, kann auch die vorliegende Ausgabe der Zeitschrift wieder in einer Papierversion erworben werden. Das Heft kann per Mail bei der Redaktion bestellt werden; eine Liste der Buchhandlungen, in denen die Zeitschrift erworben werden kann, findet sich auf unserem Blog.

Viel Erkenntnisgewinn beim Lesen wünscht

die Redaktion