Heft 22 ist erschienen

Das neue Heft der Sozial.Geschichte Online ist als PDF auf den Seiten von DuEPublico erschienen und kann dort kostenlos heruntergeladen werden. Wie bereits das letzte Heft, wird auch Heft 22 wieder in einer Printausgabe erhältlich sein, die in Kürze erscheinen wird. Das aktuelle Heft enthält Forschungsbeiträge von Susanne Beer zur Abwehr des Antisemitismus im Kaiserreich und der Weimarer Republik, von Ahlrich Meyer und Insa Meinen über Jüdische Immigranten in der belgischen Ökonomie, 1918-1942 (Teil 1; Teil 2 wird in Heft 23 erscheinen) und von Andreas Peglau über Wilhelm Reich, Erich Fromm und die Extremismusforschung sowie, als Diskussionsbeitrag, den zweiten Teil von Karl Heinz Roths Auseinandersetzung mit dem Griechenlandhistoriker Heinz A. Richter: „Wohin der Zeitgeist weht“.

Editorial

Wir freuen uns, unseren Leserinnen und Lesern im bereits fortgeschrittenen neuen Jahr 2018 die Ausgabe 22 der Sozial.Geschichte Online präsentieren zu können. Das aktuelle Heft befasst sich schwerpunktmäßig mit der Vor- und Wirkungsgeschichte des Nationalsozialismus, insbesondere den institutionellen Versuchen zur Bekämpfung antisemitischer Grundeinstellungen und den diesbezüglichen Gegenreaktionen sowie mit der antisemitischen Enteignungspraxis in den deutsch besetzten Gebieten. Außerdem wird im Hinblick auf die Anhänger des Nationalsozialismus der wissenschaftliche Stellenwert des Konzepts des „autoritären Charakters“ untersucht.

Der Forschungsbeitrag von Susanne Beer, „Noch ist es Zeit der Verwirrung entgegenzutreten …“, beschäftigt sich mit der Abwehr des Antisemitismus im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Sie untersucht anti-antisemitische Initiativen, die im Rahmen der Parteien – etwa der Liberalen, der Sozialdemokratie, der USPD und KPD – entstanden, aber auch zivilgesellschaftliche Initiativen wie den Verein zur Abwehr des Antisemitismus sowie jüdische Selbstschutzorganisationen wie den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF), den Jüdischen Abwehrdienst (JAD) und den Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV). Die Autorin verdeutlicht, dass die spätere Implementierung und gesetzliche Verankerung des Antisemitismus durch den NS-Staat einen längeren Vorlauf hatte, der mit der Erosion von Organisationen und institutioneller Strukturen zur Bekämpfung von Antisemitismus einherging. Insofern wäre der im Nationalsozialismus exekutierte und noch dazu von weiten Teilen der Bevölkerung akzeptierte oder zumindest widerspruchslos geduldete Antisemitismus ohne das Scheitern der bürgerlichen Demokratie nicht derart rasch umsetzbar gewesen. Tatsächlich blieben die Widerstände gegen rassistische Diskriminierungen weitgehend wirkungslos. Vor diesem Hintergrund geht Susanne Beer den Handlungsmöglichkeiten jener Initiativen nach, die sich gegen den bereits im Kaiserreich und in der Weimarer Republik vorhandenen Antisemitismus richteten. Dabei wird deutlich, dass sich die bürgerlich-demokratischen und linken Abwehrformationen von Beginn an in der Defensive und spätestens zum Ende der Weimarer Republik in einer zunehmend schwierigen Situation befanden.

Im Anschluss daran widmen sich Ahlrich Meyer und Insa Meinen in ihrem Forschungsbeitrag „Jüdische Immigranten in der belgischen Ökonomie (1918 bis 1942)“ einem bislang wenig belichteten Kapitel der deutschen Besatzungsherrschaft. Sie zeichnen die Zerschlagung jüdischer Wirtschaftsunternehmen in Belgien während der deutschen Okkupation in den Jahren 1942 bis 1944 nach (siehe auch die Buchrezensionen Max Henningers zu ihrer Veröffentlichung „Verfolgt von Land zu Land. Jüdische Flüchtlinge in Westeuropa 1938–1944″,  und zu Ahlrich Meyer, Das Wissen um Auschwitz. Täter und Opfer der „Endlösung“ in Westeuropa). Im Vergleich zur weitgehend abgeschlossenen „Arisierung“ im Deutschen Reich sind in Belgien zwei Besonderheiten erkennbar. Erstens bestand die Mehrheit der jüdischstämmigen Bevölkerung Belgiens aus osteuropäischen Migranten/innen. Dementsprechend handelte es sich um eine migrantisch geprägte Ökonomie, bei der die Verfolgungsbehörden während der Enteignungsvorgänge anders vorgingen als im Deutschen Reich. Zweitens ergab sich ein anderes Bild bei der Arisierungspraxis. Während Firmenübernahmen in Belgien Ausnahmen darstellten, zielte die von den deutschen Stellen angeordnete „Arisierung“ auf die Liquidation beinahe aller Klein- und Mittelbetriebe mit jüdischen Inhabern. Abweichend von dem kumulativen antijüdischen Vorgehen im Deutschen Reich, war die Zerstörung der ökonomischen Strukturen der jüdischen Bevölkerung in Belgien unmittelbar mit deren physischen Vernichtung im Zusammenhang der Shoah verknüpft. Der zweite Teil des Beitrags wird in Heft 23 von Sozial.Geschichte Online folgen.

Indirekt mit dem Themenkomplex der nationalsozialistischen Herrschaft verbunden ist der Forschungsbeitrag von Andreas Peglau, „Vom Nicht-Veralten des ‚autoritären Charakters‘. Wilhelm Reich, Erich Fromm und die Rechtsextremismusforschung“. Peglau arbeitet die Aktualität der seinerzeit unter anderem von Wilhelm Reich und Erich Fromm vorgenommenen sozialpsychologischen Untersuchungen über den „autoritären Charakter“ heraus. Der Autor, der sich bereits in Heft 21 mit Wilhelm Reich beschäftigt hat – und zwar mit seiner Rolle in der österreichischen Linken zwischen den beiden Weltkriegen –, zeigt auf, dass die frühen Erkenntnisse der Forschungen von Reich und Fromm von der gegenwärtigen Rechtsextremismusforschung zumeist ausgeblendet werden. Als Gründe dafür führt Peglau Fehlinterpretationen an, die von der wissenschaftlichen Forschung nicht ausgeräumt worden sind. Demgegenüber hebt er hervor, dass sich das Konzept des „autoritären Charakters“ durchaus als nach wie vor probater Erklärungsansatz für den in Europa und anderswo grassierenden Rechtspopulismus eignet.

In der Rubrik „Diskussion“ findet sich unter dem Titel „Wohin der Zeitgeist weht“ der zweite Teil von Karl Heinz Roths Bestandsaufnahme des umfangreichen Forschungsoutputs, den der Griechenlandhistoriker Heinz A. Richter vorgelegt hat (Der erste Teil ist bereits in Heft 21 erschienen). Unser Autor beleuchtet die von Ressentiments und einer auffallenden Apologetik gegenüber der deutschen Besatzungsherrschaft geprägten Fehleinschätzungen des umtriebigen Historikers, die dessen gesamtes Werk durchziehen. Dies lässt sich insbesondere im Hinblick auf Richters Darstellung der Rolle Griechenlands im Ersten Weltkrieg nachvollziehen, aber auch im Bezug auf seine klischeebehaftete Bewertung der Metaxas-Diktatur ab 1936, seine Verharmlosung der deutschen Okkupation von 1941 bis 1944 und die positive Einschätzung der griechischen Kollaborationsregierungen. Die sukzessive Annäherung Richters an nationalkonservative und geschichtsrevisionistische Kreise hat dessen Neubewertung des Reparationskomplexes offenbar maßgeblich mitbestimmt. Umso schwerwiegender wiegt daher, dass die von Voreingenommenheiten geprägten Schlussfolgerungen Richters die politische Debatte über die nach wie vor offene Reparationsfrage beeinflussen konnten.

Im Rezensionsteil beschäftigt sich Florian Grams mit dem von Axel Weipert, Salvador Oberhaus, Detlef Nakath und Bernd Hüttner herausgegebenen Sammelband „Maschine zur Brutalisierung der Welt“, der in einer internationalen Perspektive individuelle Verarbeitungen von Kriegserfahrungen wie erinnerungs- und geschichtspolitische Deutungen des Ersten Weltkriegs von 1914 bis heute analysiert.
Johanna Wolf rezensiert Port Cities and Global Legacies. Urban Identity, Waterfront Work, and Radicalism der Autorin Alice Mah. Im Zentrum dieses Buches stehen drei einst international bedeutsame Hafenstädte und deren Umgang mit ihrem geschichtlichen „Vermächtnis“. Dabei wird das Spannungsverhältnis zwischen der Aneignung lokaler Geschichte zum Zwecke militanter und antiautoritärer Politik durch lokale Communities einerseits und der Vermarktung des kulturellen Erbes durch städtische „Rekulturalisierungsprogramme“ andererseits untersucht. Andrea Muehlebach stellt den von Emiliana Armano, Arianna Bove und Annalisa Murgia herausgegebenen Sammelband Mapping Precariousness, Labour Insecurity, and Uncertain Livelihoods: Subjectivities and Resistance vor, der neue Forschungen und theoretisch-politische Ansätze zur Untersuchung von Prekarität versammelt. Kolja Lindner rezensiert die Ethnographie des Collectif du 9 août, die einen Arbeitskampf um eine Fabrikschließung in Südfrankreich analysiert: Quand ils ont fermé l’usine. Lutter contre la délocalisation dans une économie globalisée.

Eine rege Diskussion hat die Erklärung der Redaktion zu den Ereignissen angesichts der Proteste gegen den G 20-Gipfel in Hamburg ausgelöst. Wir bedanken uns bei allen für die überwiegend positive und zustimmende Resonanz und nutzen die Gelegenheit, auf die Kritik an der massiven staatlichen Repression hinzuweisen, die sich seitdem in maßlosen und unverhältnismäßigen Gefängnisstrafen, Razzien bei teils völlig unbeteiligten Personen und sogar einem polizeilichen Aufruf zur Denunziation von fotografisch abgebildeten Personen niedergeschlagen hat. Wer die Kritik unterstützen will, hat viele Möglichkeiten, eine davon ist, sich der Kampagne United we stand anzuschließen.
Und zu guter Letzt noch ein Wort zu mehreren Jahrestagen: 2018 ist zunächst einmal das Marx-Jahr, das zahlreiche Veranstaltungen und Kongresse hervorbringen wird. Auch Sozial.Geschichte Online wird dieses Thema begleiten, und wir können wohl versprechen, dass dazu im Laufe des Jahres bei uns noch der eine oder andere Text erscheinen wird. Aber auch andere Jahrestage beschäftigen uns: neben der Novemberrevolution und dem Beginn des Dreißigjährigen Kriegs auch – mal wieder – der demokratische Aufbruch von 1968. Wir möchten alle, die insbesondere zum „anderen“, proletarischen, migrantischen, feministischen „68“ arbeiten, ermutigen, uns Beiträge zu schicken. Aus unseren Redaktionskreisen gibt es dazu bereits einen Text: Wolfgang Hien berichtet in einem Interview mit Peter Birke über „eine andere 68er Geschichte“. Das lange lebensgeschichtliche Interview wird, zusammen mit einem Begleittext zur Geschichte der Gesundheitsbewegung, im Frühjahr im Hamburger VSA-Verlag erscheinen. In der nächsten Ausgabe der Sozial.Geschichte Online wird mehr aus diesem Buch zu lesen sein.

Die vorliegende Zeitschrift kann – nach einem erfolgreichen Experiment in der letzten Ausgabe – auch wieder in einer Papierversion erworben werden. Die Bestelladresse findet sich, ebenso wie eine Liste der Buchhandlungen, in denen die Zeitschrift erworben werden kann, auf unserem Blog.

Viel Spaß beim Lesen,

Die Redaktion