Ceuta

Anders war es in Fnideq, der marokkanischen Zwillingsstadt von Ceuta. Der Treck ließ sich nicht aufhalten und griff in der Nacht vom 30. zum 31. Juli die aufmarschierte Polizei, das Militär, ihre Wasserwerfer und die Reizgas sprühenden Einheiten an. Die marokkanischen Deportationsbusse, die wie in den Vortagen bereitstanden, um abgefangene Grenzstürmer bis in die Westsahara zu fahren und sie dort ohne Essen, ohne Handy und ohne Geld auszusetzen, wurden abgefackelt. Zwei Tote sind zu beklagen. Viele flüchteten sich in die nahegelegenen Berge, um dann von dort weiter nach Ceuta zu ziehen.

Die ersten rund tausend Jugendlichen, die am Donnerstagvormittag des 30. Juli an der Grenze ankamen, eröffneten für die Nachkommenden den Weg. Zunächst schwammen sie um die Mole herum, die das Ende der Grenze darstellt. Dann öffneten die Nächsten die grenzpolizeilichen Tore an der Mole. Die riesige Freude der Ankommenden wurde und wird getrübt, weil unzählige Mitschwimmende ertrunken sind. Auf spanischer Seite wurden in den letzten 24 Stunden 43 Tote aus dem Wasser geborgen [inzwischen wird die Zahl der Ertrunkenen auf 70 bis 100 geschätzt], die marokkanische Seite gibt keine Zahlen bekannt.

Alle großen spanischen Medien sind inzwischen vor Ort. Unisono berichten die ReporterInnen, dass die Leute als Grund für ihr Kommen ihre Armut angeben („ich will Geld verdienen und damit meinen Eltern helfen!“), niemand weiß etwas von den Politikerspekulationen, dass ein kürzliches Urteil des spanischen höchsten Gerichts die spanischen Rückschiebungen auf dem Meer verboten hat. Im letzten Jahr sollen 60.000 Schwimmende vor Ceuta von der Guardia Civil ohne Prozedere zurück an marokkanische Einheiten übergeben worden sein. Nun muss ein „ordentliches“ individualisiertes Rückübernahmegesuch gestellt werden. Ministerpräsident Sánchez hat heute, am 31. Juli, in Ceuta das Einhalten dieser formalen Prozedur zugesagt. Auch haben die ReporterInnen von den Ankommenden nichts über den kürzlichen Besuch von Sánchez in Algerien und die diskutierte Möglichkeit, die älteren sahrauischen Geflüchteten mit spanischer Staatsbürgerschaft zu versorgen, oder über den Wegfall der EU-Außengrenzkontrollen rund um Gibraltar vor zwei Wochen gehört. Überall nur der schimpfende Protest über die Armut in Marokko.

Es lohnt sich, die Vorgeschichte anzusehen: 2020 wurde die Grenze zwischen Ceuta und Nordmarokko hermetisch geschlossen, als Maßnahme gegen Covid-19 und um den prosperierenden riesigen informellen Handel über die Grenze schlagartig zu beenden. Seitdem wird der transnationale Handel über TangerMed, dem größten Hafen Afrikas, abgewickelt. Ein großer Teil der Wirtschaft Nordmarokkos ist daraufhin zusammengebrochen, Demonstrationen („Öffnet die Grenze!“) und Aufstände folgten, insbesondere gegen die Misere in Krankenhäusern und Schulen sowie gegen die superteuren Fußballstadien.1

Anzumerken ist, dass bislang niemand nach dem Schießbefehl ruft und dass Pedro Sánchez anscheinend die Aufforderung der EU-Kommission, eine Frontex-Operation anzunehmen, abgelehnt hat. (Manfred Weber fordert gar einen Frontex-Einsatz gegen den Willen der spanischen Regierung.2) Sánchez spricht von einem Angriff auf die territoriale Integrität Spaniens – und nicht der EU. Die spanische Regeirung arbeitet zwar mit Frontex zusammen, aber wahrscheinlich fürchtet er einerseits bei einem etwaigen Großeinsatz von Frontex ein ICE-ähnliches Vorgehen der EU-Agentur in Ceuta mit Auswirkungen auf ganz Spanien und andererseits einen Aufstand in Ceuta, wenn Polizei und Militär jetzt sofort zu Massenabschiebungen übergingen.

Der spanische Staat antwortet antisozial, mit einer Politik des Aushungerns. Es wird bislang keine Versorgungsstruktur für Essen, Wasser, Steckdosen für Handys und Notunterkünfte aufgebaut. Zu Tausenden soll sich die überwiegende Zahl bereits wieder auf dem Rückweg nach Marokko befinden.

Von Ceuta führt keine Brücke nach Europa, die extrem Armen bleiben nach dem Durchbruch gewissermaßen gefangen in der Enklave, wenn sie nicht zurückgehen. Dennoch können wir in diesem eindrucksvollen, selbstbewussten Ansturm die erste Massenantwort auf das Gemeinsame Europäische Asylsystem (GEAS) sehen. Denn GEAS ruht im Wesentlichen auf einem äußerst restriktiven Lagersystem an den EU-Außengrenzen, es zielt auf die Utopie einer hermetischen Grenze für Undokumentierte.

Nachtrag 3. August 2026: Inzwischen sind die ausgehungerten Massen nach Marokko zurückgegangen. 3-5.000 MarokkanerInnen und Geflüchtete aus vielen afrikanischen und mehreren asiatischen Ländern sind geblieben. Über tausend von ihnen sind am Strand Trampolin in Ceuta durch die Polizei und das Militär eingekesselt. Sie haben seit Tagen kein Essen bekommen, heute wurde ihnen auch das Trinkwasser einer Strandleitung abgestellt. In der Umgebung des Aufnahmelagers CETI und rund um die Warenhäuser der Grenzübergangsstelle Tarajal leben seit Tagen Tausende auf der Straße. Das Zentrum und einzelne Stadtteile von Ceuta sind von Polizei und Militär abgesperrt, einige Bürgerwehren sollen sich gebildet haben, in vielen Läden und Supermärkten wird den Angekommenen der Zutritt verwehrt. Das Militär macht laut der französischen Internet-Zeitung Mediapart seit dem 2. August Jagd auf Nicht-Rückkehr-Willige.

In Politik und Medien haben in Europa wie auch in Marokko die Erklärungen der Experten zum Ansturm auf Europa begonnen. Zitiert sei ein aktueller Aufruf von der AktivistInnen von No Name Kitchen3, die sich vor Ort befinden:

„Es könnte das alles sein: Es könnte ein neuer Grüner Marsch sein. Es könnte ein Wutanfall des Königs von Marokko sein, weil Spanien Gas von Algerien kaufen will, ohne Zoll an Marokko zu zahlen. Es könnte sein, dass der 2030 finale World Cup in Madrid stattfinden soll, oder weil Spanien die sahrauischen Nachfahren einbürgern will. Es könnte das Jammern von Netanyahu sein, weil Spanien seinen Genozid verurteilt. Es könnte Trumps Ärger sein, weil Spanien nicht genug Geld in die NATO einzahlt, oder weil es nicht seine Flugzeuge hat betanken lassen, bevor sie zum Bomben gegen Iran geflogen sind. Es könnte Spaniens „extremistische, marxistisch-kommunistische, bolivarische“ Politik sein, die beispiellose Migrationsströme verursacht hat. Es könnte das Höchste Gericht Spaniens gewesen sein, das tausende marokkanische Kinder in juristische Analysten der Richtlinien verwandelt hat, die auch in anderen Ländern gelten. Es könnte auch sein, dass mehr als eine halbe Million Leute, die in Spanien leben, in einen Legalisierungsprozess eingetreten sind und das dies – das Gerücht, ‘wenn die das machen, kann ich das auch’ – sich wie ein Lauffeuer verbreitet hat. Es könnte auch sein, dass grausame, sadistische Mafias Leute ins Meer werfen, ohne jeden Skrupel, und Gold aus der Verzweiflung der Leute ziehen. All das könnte sein.

Aber ehrlich gesagt, geht es hier nicht darum. […] Worum es geht, nun mehr als jemals zuvor, ist unsere Fähigkeit – oder unsere Unfähigkeit – mit dem Leid Anderer mitzufühlen. 2025 hat es nach offiziellen Angaben 50 Tote im Meer von Ceuta gegeben. Hat CNN oder BBC berichtet? Was wir hier jetzt sehen, ist kein isoliertes Geschehen, es ist der Ausbruch von etwas, das lange gebrodelt hat. Die Leute wollen ein besseres Leben und warten damit nicht eine Woche, sie warten auf keine Regeln, und keine Barrieren im Meer [, die jetzt installiert wurden,] wird sie aufhalten. Alle LeserInnen wissen, tief in ihrem Inneren, dass wenn sie in Marokko geboren wären – und nicht als Kind einer Wohlstandsfamilie, sondern mit dunkler Haut, mit leerer Tasche und mit gebrochenen Zähnen aufgewachsen sind – , dass sie dann aus Verzweiflung aufbrechen würden. Wir alle wissen das, auch wenn es bequemer ist, über Pipelines und Crime zu debattieren. […] Jede Person, die gegen alle verrückten Hindernisse zu migrieren versucht – wer bei der Ankunft schreit und wer in die Kameras mit einem Victory-Zeichen lacht – ist ein Held“.4

Neben diesem Aufruf, der aus der Unmittelbarkeit, aus der Präsenz in Ceuta spricht, sind die Stellungnahmen marokkanischer Gewerkschaften bemerkenswert, die das marokkanische Internetportal Hespress.com am 3. August 2026 veröffentlicht hat.5 Die Organisation démocratique du travail (ODT) und die Confédération démocratique du travail (CDT) machen für den Aufstand in Marokko im September 2025 und den jetzigen Ansturm auf Ceuta die tiefe gesellschaftliche und wirtschaftliche Krise verantwortlich, die für die unteren und mittleren Bevölkerungsschichten nicht nur Kaufkraftschwund und hohe Arbeitslosigkeit gebracht haben, sondern auch die gesellschaftlichen Institutionen wie die Gewerkschaften und Sozialverbände entscheidend geschwächt haben. Ein nationaler Dialog müsse von Grund auf neu gestaltet werden, um die massive Verarmung und Entrechtung breiter Bevölkerungsschichten zu bekämpfen.

Ich darf darauf verweisen, dass wir in unserer Diskussion zum Ansturm auf Marokko auf Ähnlichkeiten zur Großen Depression und den Hungermärschen seinerzeit gestoßen sind, die Fox Piven so treffend analysiert hat.

Helmut Dietrich

1 Siehe Helmut Dietrich, Mudshahedin el khobs – Märtyrer des Brots vor Ceuta, an der Festung Europa, SGO 39/2025, https://sozialgeschichte-online.org/wp-content/uploads/2025/11/dietrich_maertyrer-des-brots_vorveroeffentlichungsgo39.pdf

2 Manfred Weber: „Wir müssen Frontex massiv ausbauen, auf 30.000 Mann, und wir müssen Frontex in Krisensituationen wie Ceuta die Kommandogewalt geben.“ https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/ceuta-vor-ceuta-konferenz-am-dienstag-evp-chef-weber-fordert-eu-innenminister-zum-handeln-auf-114944795; und: „Wenn eine linke Regierung in Spanien nicht willens ist, die Außengrenze zu sichern, dann muss Frontex auch Kommandogewalt bekommen“, verlangte Weber. „Dann muss auch Europa an diese Grenze gehen und für Ordnung sorgen.“
https://www.welt.de/politik/ausland/article6a6bb459dd06dd5ef2e3fe60/ceuta-ziel-einer-offenbar-gesteuerten-migrationsbewegung-klingbeil-fordert-solidaritaet-mit-spanien.html

3 https://www.nonamekitchen.org/

4 newsletter@nonamekitchen.org, 3. August 2026

5 https://fr.hespress.com/483832-les-syndicats-alertent-sur-les-causes-sociales-de-la-migration-irreguliere.html

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