CfP: Ein neuer Faschismus?

Für die Ausgabe #41 rufen wir dazu auf, Texte zur Einschätzung des historischen und aktuellen Autoritarismus einzureichen. Redaktionsschluss ist der 1. November.

Nach dem Sieg der Alliierten über das Nazi-Regime im Mai 1945 herrschte die Überzeugung, die faschistische Bestie sei endgültig besiegt. Nie wieder würde sie ihr Haupt über die Bevölkerung Europas und der Welt erheben. Über achtzig Jahre lang stützten sich das Selbstbild und die Legitimität der westlichen liberalen Demokratien auch auf dieses Axiom. Ungeachtet der kolonialen und postkolonialen Ausbeutung und Kriege in aller Welt, ungeachtet der Diktaturen im verbündeten Südeuropa, ungeachtet von Gladio und „bleierner Zeit“ schien die Zurückweisung von Autoritarismus und Diktatur konstitutiv für das innere gesellschaftliche Selbstverständnis des Westens. Seit dem Ende der 1980er Jahre wirkte sie auch als Triebfeder für die Ausweitung des westlich-liberalen Gesellschaftsmodells auf den zerfallenden sowjetischen Herrschaftsbereich.

Seit einigen Jahren ist diese Überzeugung im Schwinden begriffen. Die Staaten schränken bürgerliche Freiheiten ein – durch polizeiliche und militärische „Sicherheitspolitik“, die systematische Einschränkung der Rechte bestimmter Bevölkerungsgruppen wie Migrant:innen und die Zensur der Öffentlichkeit. Besitzer und Manager der führenden Kapitalfraktionen vertreten einen radikalisierten Liberalismus, der die Menschenrechte als abzustreifende Fessel betrachtet. Vor allem aber erweisen sich in vielen demokratischen Staaten des Westens autoritäre Parteien und Bewegungen als mehrheitsfähig, Organisationen, die sich teilweise offen auf die historischen Faschismen positiv beziehen.

Die Redaktion der Zeitschrift Sozial.Geschichte möchte in Heft #41 Texte aufnehmen, die sich mit diesen Entwicklungen und den dahinter stehenden Zusammenhängen beschäftigen, und lädt Autor:innen ein, entsprechende Artikel vorzuschlagen. Uns interessieren unter anderem:

  • Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen historischen Erscheinungsformen des Faschismus und aktuellen Ausprägungen der Rechtsentwicklung
  • Vergleich von autoritären Parteien und Bewegungen an der Macht (Ungarn, USA, Italien)
  • Übergänge von Machtkämpfen innerhalb der liberalen Demokratie zu Formen faschistischer Herrschaft
  • Autoritäre Bewegungen und Arbeiter:innen
  • „Volksgemeinschaft“ und ausschließende Sozialpolitik
  • „Illiberale Demokratie“ und „Populismus“
  • Kapitalistische Krise, Legitimitätskrise der liberalen Demokratie und Protestbewegungen
  • Kulturkriege und Polarisierungen
  • Autoritarismus und Geschlechterverhältnisse
  • Soziale Medien, künstliche Intelligenz und gesellschaftliche Kommunikation
  • Transnationale rechte Netzwerke
  • Wirtschaftselite und autoritärer Staat
  • „Verbürgerlichung“ rechter Parteien wie Fratelli d’Italia und Rassemblement National
  • „Europa“ in der neuen Konfrontation USA-China
  • Nationalismus, Konkurrenz und Konflikte zwischen EU-Staaten

Texte können bis zum 1.11.2026 eingereicht werden. Bitte beachtet / beachten Sie auch unsere Hinweise für Autor:innen.